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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

27. November 2020

Chile: „Jetzt erwartet uns der steilste Teil des Weges“

Eines der weltweit brutalsten neoliberalen Modelle könnte endlich überwunden werden. Denn mit ihrem historischen Votum im Oktober verbanden hunderttausende Chilenen, die durch ihre Proteste seit dem „estallido social“, dem Beginn der Massendemonstrationen vor einem Jahr, diesen Volksentscheid erzwungen hatten, die Erwartung, endlich in einem Land leben zu können, in dem Menschenrechte garantiert, Prinzipien eines Sozial- und Rechtsstaats durchgesetzt, bürgerschaftliche Teilhabe ermöglicht und die Rechte der indigenen Bevölkerung anerkannt werden.

Chiles Kinder gehen in eine neue Zukunft: "Lass nicht zu, dass diese Pandemie Dein Herz traurig macht. Dieses Virus werden wir gemeinsam besiegen #bleib zu Hause." (Foto: Kindernothilfepartner)
Chiles Kinder gehen in eine neue Zukunft: „Lass nicht zu, dass diese Pandemie Dein Herz traurig macht. Dieses Virus werden wir gemeinsam besiegen #bleib zu Hause.“ (Foto: Kindernothilfepartner)

Gerade einmal viereinhalb Wochen ist es her, seit fast 80 Prozent der Wahlberechtigten in Chile in einem Referendum für die Ausarbeitung einer neuen Verfassung – und somit für die Ablösung der 1980 vom Pinochet-Regime oktroyierten und bis heute geltenden Magna Carta stimmten. Ein ähnliches Erdrutschergebnis gab es auch bei dem zweiten Votum vom 25. Oktober, der Entscheidung, dass es ausschließlich ein eigens für diese Aufgabe demokratisch zu wählender Konvent sein soll, der die neue Verfassung innerhalb von zwölf Monaten erarbeitet – und eben nicht, wie von Präsident Piñera favorisiert, eine Mischstruktur aus bereits amtierenden Parlamentariern, ergänzt durch zusätzliche Delegierte.

Alles mit Mundschutz: Chilenin am Plebiszit-Tag, 25.10.2020, bei der Abstimmung in einer Schule im Santiagoer Stadtteil Peñalolén. (Foto: Ximena Galleguillos)
Alles mit Mundschutz: Chilenin am Plebiszit-Tag, 25.10.2020, bei der Abstimmung in einer Schule im Santiagoer Stadtteil Peñalolén. (Foto: Ximena Galleguillos)

Die Kindernothilfe-Partner in Chile hatten in den Monaten vor dem Plebiszit klar Position bezogen und für die Teilnahme an dem Volksentscheid mobilisiert. Darüber, wie sich die Lage vor Ort jetzt darstellt, sprachen wir mit José Horacio Wood und Claudia Vera vom Kindernothilfe-Partner Fundación ANIDE.

Kindernothilfe: Auf der ganzen Welt waren die Menschen beeindruckt, mit welcher Entschlossenheit und vor allem, wie eindeutig die Chileninnen und Chilenen am 25. Oktober für einen Neuanfang votierten – und somit einen Bruch mit dem alten System wollten. Wie nehmt Ihr die Stimmung heute, einen Monat nach diesem historischen Tag, wahr?

José Horacio Wood: Die Teams in den Projekten, die Menschen in den Armenvierteln, auf die sich das Engagement der Kindernothilfe-Partner konzentriert, die Jugendlichen und auch die Kinder erlebten diesen geschichtlichen Moment sehr intensiv, voller Hoffnung, voller Enthusiasmus. Einen Monat danach ist immer noch der Stolz darüber zu spüren, hier dabei gewesen zu sein. Aber der Optimismus dieser magischen Nacht vom 25. auf den 26. Oktober schlägt mittlerweile in Ernüchterung um. Den Menschen wird bewusst, dass der steilste Teil des Weges noch bevorsteht. Mir persönlich wäre es sehr wichtig gewesen, bei diesem Volksentscheid gerade in den Vierteln der ärmeren Menschen eine deutlich höhere Wahlbeteiligung zu erreichen. Das ist leider nicht gelungen: Am Ende mussten wir uns eingestehen, dass fast die Hälfte der Chileninnen und Chilenen nicht an der Abstimmung teilnehmen wollte.

Claudia Vera: Und mit jedem Tag wird jetzt auch deutlicher, mit welcher Strategie sich die Parteien, die historisch bis zum bitteren Ende hinter dem Pinochet-System standen, das zum Teil bis heute tun und die jetzt seit März 2018 erneut die Regierungskoalition hinter Präsident Sebastian Piñera bilden, für den Verfassungsprozess aufstellen. Sie haben erreicht, dass die Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung am 11. April 2021 nach ihren Regeln und mit einem sie begünstigenden Auszählverfahren ablaufen werden. Weil sie mit einer gemeinsamen Liste antreten, sind die Chancen groß, dass es ihnen gelingt, die Sperrminorität zu bilden, die sie benötigen, um alle tiefgreifenden Veränderungen abzublocken. Die Mittel-Links-Parteien der Opposition sind hingegen – wie üblich – zerstritten. Hinzu kommt, dass sie über ihren Schatten springen müssten, um den sozialen Bewegungen, Stadtteilorganisationen und engagierten Basisgruppen eine faire Teilhabe und entsprechende Listenplätze für die Wahlen zum Verfassungs-Konvent anzubieten. Was wir in dieser Phase ebenfalls schmerzhaft vermissen, ist eine heilsame Selbstkritik eben dieser „Concertación“-Parteien beim Blick auf ihre eigene Rolle während der drei Jahrzehnte seit dem Ende des Pinochet-Regimes. Ganz viele Menschen misstrauen der politischen Klasse zutiefst. Und das macht es jetzt, wo es so entscheidend darauf ankommt, Bündnisse zu schmieden, gemeinsame Wahllisten zu erstellen und am 11. April 2021 mit dem Rückhalt durch eine ganz breite zivilgesellschaftliche Basis die Wahlen zur „constituyente“ zu gewinnen, so unendlich schwer, einander zu vertrauen.

Kindernothilfe: Das klingt aber nicht sehr ermutigend! Gibt es denn irgendwelche Perspektiven, um den Enthusiasmus rund um das Plebiszit vom 25. Oktober doch noch bis in den nächsten April zu tragen? Was wären die Voraussetzungen dafür?

Claudia Vera: Ganz viel hängt jetzt von der Zivilgesellschaft und dabei ganz besonders von Organisationen wie den „cabildos“ und „asambleas territoriales“ (Nachbarschaftsversammlungen) ab; davon, ob es ihnen gelingt, den Parteien, die in Chile nicht zum Lager der Pinochet-Apologeten und Verteidigern der „alten Ordnung“ gehören, ein Bekenntnis zu den unveräußerlichen Elementen, die in der neuen Verfassung stehen müssen, abzuringen. Ganz entscheidend wird es darauf ankommen, das Prinzip eines „subsidiär“ handelnden Staates, der eben nur dann unterstützend einspringt, wenn alle anderen – privaten – Ressourcen aufgebraucht sind oder nicht greifen, durch einen echten Rechts- und Sozialstaat zu ersetzen, in dem Bürgerinnen und Bürger nicht Bittsteller sind, denen je nach politischer Konjunktur und Kassenlage irgendwelche „Wohltaten“ zugestanden werden, sondern die Beziehung zwischen Staat und Bürgern auf verbrieften Rechten beruht, die notfalls vor ordentlichen Gerichten eingeklagt werden können. Die rechten Parteien benutzen in ihrem Diskurs seit Neuestem den Begriff des „solidarischen Staates“. Aber das ist nur ein Euphemismus, weil es ihnen erneut genau nicht darum geht, dass Menschen Rechte haben. Stattdessen lässt der „solidarische Staat“ einem Untertan bestenfalls eine Wohltat zukommen – oder eben auch nicht.

Lebensmittelunterstützung im Projekt „La Victoria“ in Santiago. (Foto: Kindernothilfepartner)
Lebensmittelunterstützung im Projekt „La Victoria“ in Santiago. (Foto: Kindernothilfepartner)

Kindernothilfe: Gab es während den langen Monaten der Corona-Pandemie in Chile Beispiele für diesen Grundkonflikt?

José Horacio Wood: Mir fällt da als Allerersten die öffentlichkeitswirksam inszenierte Verteilaktion von Kartons mit etwas Lebensmitteln und ein paar Hygiene-Artikeln in den Armenvierteln ein. Das war eine typische Regierungsaktion für die Fernsehkameras. Der Staat schenkt Familien einen Karton mit etwas zum Essen. Und, wer leer ausgeht, hat eben Pech gehabt. Das Ganze dauerte dann ja auch gerade mal zwei Wochen. Danach hat die Regierung das Interesse schnell wieder verloren. Viel nachhaltiger und wirkungsvoller wäre gewesen, den Familien durch die monatliche Überweisung eines Geldbetrags auf das Basiskonto, das alle Chileninnen und Chilenen bei der Staatsbank haben, etwas Luft zu verschaffen und die Möglichkeit zu geben, selbst darüber zu entscheiden, welche Ausgaben in der deprimierenden Lockdown-Situation am dringendsten ist. In Europa haben die Menschen ein Recht auf Grundsicherung. So etwas kennt das „Modell Chile“ nicht. Angesichts der verzweifelten Situation gab es dann auch nur ein einziges Mal in über sechs Monaten doch noch einen Scheck über 60.000 Pesos (rund 65 Euro) für die Familien mit den niedrigsten Einkommen. Und nach erbitterten Auseinandersetzungen im Kongress stimmte die Regierung am Ende zu, dass diejenigen, die es während ihres Arbeitslebens geschafft hatten, Beiträge in die privaten Pensionsfonds einzuzahlen, 10 Prozent ihrer eigenen Ersparnisse abheben durften. Wer über keine Rentenfonds-Guthaben verfügt, blieb bei dieser Aktion außen vor. Zusammengefasst: Was die Menschen während dieser schrecklichen Pandemie so schmerzhaft vermissten, ist eine aktive, systematische Sozialpolitik – auf der Grundlage von Gesetzen.

Kindernothilfe: Spielt bei all diesen Diskussion auch das Thema der Kinderrechte eine Rolle? Gibt es Überlegungen, wie die Kinderrechte in die neue Verfassung einfließen sollen?

Claudia Vera: Was als Erstes erreicht werden muss, ist 30 Jahre nach dem Ende der Pinochet-Diktatur endlich auch in Chile ein Kinderrechte-Statut zu verabschieden! Und ja, die Kinderrechte müssen unbedingt in die neue Verfassung! Wir haben den Eindruck, dass es darüber unter den demokratischen Kräften im Land einen breiten Konsens gibt. Kinder und Jugendliche spielen in den Diskussionen der Nachbarschaftsversammlungen eine relativ prominente Rolle, weil die dramatischen Zahlen von über 1300 Todesfällen, sowie 2071 Vergewaltigungen und anderer schwerer Sexualdelikte, die es nach einer Untersuchung der Kriminalpolizei in den zurückliegenden zwölf Jahren in Einrichtungen der staatlichen Kinder- und Jugendbehörde SENAME gegeben hat, regelrechte Schockwellen auslösten. Das hat, zusammen mit der andauernden, systematischen Polizeibrutalität gegen Kinder und Jugendliche ganz viele Menschen aufgerüttelt.

José Horacio Wood: Und es gibt die Forderung, in Chile eine nationale Kinderrechtskommission zu schaffen, die an allen Gesetzgebungsverfahren beteiligt wird. Wir erhoffen uns aber auch einen Durchbruch bei der Entwicklung einer neuen Bildungspolitik. Es geht um einem Paradigmenwechsel, um die Forderung nach einer Bildung mit Qualität für alle Kinder, einer Schulbildung, die aufhört, in den Klassenzimmern wie seit 40 Jahre extreme soziale Unterschiede zu reproduzieren und dadurch das neoliberale System zu verewigen. Aber es geht auch darum, dass Politikerinnen und Politiker in diesem Land endlich aufhören, Jugendliche zu stigmatisieren und zu kriminalisieren. Eine ganz wichtige Komponente im neuen Verfassungstext muss das Wahlrecht ab 16 Jahren sein – verbunden mit ernsthaften, echten Beteiligungsmöglichkeiten für Kindern und Jugendliche bei der Debatte über die Themen, die ihnen politisch wichtig sind. Und dann dürfen wir, die Erwachsenen, nie vergessen, dass es Schülerinnen und Schüler, Kinder und Jugendliche waren, die mit ihren Protesten beim „estallido social“ ab dem 18. Oktober 2019 unglaublich mutig genau die Bresche geschlagen haben, durch die am Ende diese Volksabstimmung vor einem Monat erst erzwungen wurde.

Nächtliche Protestaktion in Concepción, an der sich auch Teammitglieder aus dem „Agüita“-Projekt beteiligt haben "Quarantäne - aber mit Würde". (Foto: Kindernothilfepartner)
Nächtliche Protestaktion in Concepción, an der sich auch Teammitglieder aus dem „Agüita“-Projekt beteiligt haben „Quarantäne – aber mit Würde“. (Foto: Kindernothilfepartner)

Kindernothilfe: Um noch einmal ein anderes, wichtiges Thema anzusprechen: Bei den Protesten seit Oktober 2019 spielte auch die prekäre Situation älterer Menschen in Chile eine ganz wichtige Rolle. Wie wirkte sich die Covid-19-Pandemie auf diese Diskussion aus?

José Horacio Wood: Corona hat das noch einmal überdeutlich gemacht: Wir brauchen in diesem Land ganz, ganz dringend ein neues, gerechtes Rentenversicherungssystem! Das derzeitige, ausschließlich auf Zwangsbeiträgen von Versicherten, die in Aktienfonds investiert werden, gestützte Kapitaldeckungs-System der AFPs (Administradoras de Fondos de Pensiones) produziert nicht Altersarmut, sondern Alterselend. Deswegen muss am Ende dieses verfassungsgebenden Prozesses ein Vorschlag für ein neues System stehen, das sich auf einen vom Staat finanzierten Grundrentenanteil, ergänzt durch Arbeitgeberbeiträge und freiwillige Sparleistungen der Versicherten stützt.

Kindernothilfe: Neben dem von Euch genannten Fehlen von kohärenten sozialpolitischen Antworten auf diese Krise, an was lassen sich die Schleifspuren dieser furchtbaren Covid-19-Monate in Chile mit 550.000 Infizierten und 15.131 Verstorbenen (Stand 25.11.2020) dort, wo die Kindernothilfe-Partner in den Armenvierteln engagiert sind, am deutlichsten ablesen?

Claudia Vera: Die sicherlich gravierendste Konsequenz der Pandemie-Krise besteht darin, dass in Chile seit März mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze verloren gingen. Und das sind eben, wie immer in wirtschaftlich schwierigen Momenten, vor allem die Beschäftigungsmöglichkeiten der Geringverdienenden, der Menschen in den prekärsten Arbeitsverhältnissen, im Einzel- und Straßenhandel, auf Baustellen, bei informellen Dienstleistungen. Diejenigen, die es hier am allerhärtesten getroffen hat, sind Migrantinnen und Migranten aus anderen lateinamerikanischen Ländern: Peru, Bolivien, Haiti, Venezuela. Unsere Kolleginnen und Kollegen vom Projekt „Niños sin Fronteras“ im Santiagoer Stadtteil Independencia berichten, dass unter den Familien, mit denen sie arbeiten, sieben von zehn komplett sämtliche Einkommensmöglichkeiten verloren haben. Im Armenviertel La Victoria, im Südwesten von Santiago, wo ein großer Teil der aus Haiti eingewanderten Familien lebt, ist die Situation zum Teil noch verheerender. Hier herrscht blanke Not, Hunger und Verzweiflung. Anders lässt sich die Situation nicht beschreiben. Aber nicht nur in den Armenvierteln, bis weit in die Mittelklasse hinein, kämpfen die Menschen darum, mit einem Bruchteil ihrer bisherigen Einkommen über die Runde zu kommen. Covid-19 hat die bereits zuvor dramatische Überschuldungskrise Hunderttausender privater Haushalte weiter verschärft. Und diese Existenzsorgen machen die Menschen krank, verursachen extremen Stress, innerfamiliäre Gewalt und Depressionen.

Die Kinder aus "La Victoria" in Santiago freuen sich über Kartoffeln, Mehl und Milch, die ihnen das Team des örtlichen Kindernothilfe-Partnerprojekts vorbeigebracht hat. (Foto: Kindernothilfe-Partner)
Die Kinder aus „La VicDie Kinder aus „La Victoria“ in Santiago freuen sich über Kartoffeln, Mehl und Milch, die ihnen das Team des örtlichen Kindernothilfe-Partnerprojekts vorbeigebracht hat. (Foto: Kindernothilfe-Partner)

Kindernothilfe: Die chilenische Regierung plant, erst im März 2021, nach den Sommerferien, wieder vollständig in allen chilenischen Schule mit dem Präsenzunterricht zu beginnen. Was hat die Covid-19-Pandemie mit dem Recht der Kinder auf Bildung gemacht?

José Horacio Wood: In Chile waren bereits vor Corona nirgendwo die Unterschiede zwischen Arm und Reich so extrem und so manifest, wie beim Blick in die Schulen. Und die Pandemie wirkte auf dieses Problem wie ein Brandbeschleuniger. Dadurch, dass es in den Armenvierteln der großen Städte, aber auch in vielen ländlichen Gemeinden immer noch nur ganz schlechte Zugangsmöglichkeiten zum Digitalunterricht gab und gibt, sprechen glaubwürdige Untersuchungen inzwischen davon, dass während der Lockdown-Monate der Kontakt zu über 100.000 Schülerinnen und Schülern komplett abgerissen ist. Unser Bildungssystem hat diese Kinder einfach verloren. Das ist eine Katastrophe in der Katastrophe!

Kindernothilfe: Aber was ist mit diesen Kindern passiert? Gibt es irgend eine Chance, sie doch wieder in die Schulen zurück zu holen?

José Horacio Wood: Die Teams in den Projekten berichten – und sozialwissenschaftliche Untersuchungen untermauern diese Beobachtung -, dass sich ganz viele Kinder, zum Teil Elf-, Zwölf-, Dreizehnjährige, irgendwelche Jobs suchen, um etwas Geld zu verdienen. Und weil 59 Prozent aller Familien in Chile angeben, dass sich durch Corona ihre Einkommen empfindlich verringert haben, ist natürlich jeder Peso willkommen, um die finanzielle Lage zu verbessern. Die Erfahrungen aus Phasen früherer wirtschaftlicher Einbrüche in Chile zeigen, dass es ungeheuer schwierig ist, Kinder, die die Unterrichtsroutine verloren haben, die aus der Struktur des täglichen Lernens – und aus dem sozialen Gefüge, das Schule ermöglicht, herausgefallen sind, zu motivieren, wieder in ein Klassenzimmer zurück zu kehren. Hier erwächst den Partnerprojekten von ANIDE und Kindernothilfe eine fundamental wichtige Aufgabe.

Kindernothilfe: Wie gehen die Kolleginnen und Kollegen in den Projekten vor? Welche Strategien entwickeln sie?

Claudia Vera: Ganz entscheidend ist, so intensiv es irgendwie möglich ist, den Kontakt zu den Kindern zu halten! Denn genauso wie die Schulen in den Armenvierteln sind natürlich auch die Räumlichkeiten der Partnerorganisationen Corona-bedingt geschlossen. Deshalb spielt sich ganz viel über Handys – und dort, wo es Glasfaserverbindungen gibt, über das Internet, über social media-Kanäle ab. Alle Teams arbeiten von zu Hause aus, größtenteils nach klar strukturierten Aufgabenplänen, mit Priorität auf diejenigen Kinder, deren Situation am problematischsten, deren Bedingungen am prekärsten sind. Aber zu allen Mädchen und Jungen, zu allen Jugendlichen aus den Kindernothilfe geförderten Programme gibt es kontinuierlichen Kontakt. Hier ist die zusätzliche Unterstützung, die Kindernothilfe zur Verfügung stellt, von entscheidender Bedeutung: Da können Telefonkarten bezahlt werden, einfache Handys angeschafft, Unterrichts- und Schulmaterial heruntergeladen – und dort, wo es in den Familien keine Tablets und Computer gibt, Arbeits- und Unterrichtsblätter ausgedruckt und verteilt werden. Die psychologische Sicherheit für die Kinder, sich darauf verlassen zu können, dass die Projektteams selbst in den schwierigsten Momenten präsent sind, niemand vergessen wird, ist unendlich wichtig, Ansprechpartner zu haben, wenn die Erwachsenen die Kontrolle verlieren, der Stress aus dem Ruder läuft, nur noch herumgebrüllt wird. Aber dann gibt es auch ganz elementare Interventionen, etwa für Migrantenfamilien aus den Armenvierteln La Victoria und Independencia Unterstützung, um die Miete, die Strom- oder die Wasserrechnung bezahlen zu können – und nicht inmitten der Pandemie auf der Straße zu landen. Wichtig ist natürlich auch, den Kontakt mit den Eltern zu halten, auch mit ihnen im Gespräch zu bleiben, am Thema „buen trato“, guter Umgang mit den Kindern, weiter zu arbeiten.

Team des Partnerprojektes „Belén el Cobre“ in Peñalolén (Foto: Kindernothilfepartner)
Team des Partnerprojektes „Belén el Cobre“ in Peñalolén (Foto: Kindernothilfepartner)

Kindernothilfe: Und wie motivieren sich die Teams aus den Projekten in dieser schwierigen Situation? Wie verarbeiten sie die Kriseninterventionen, die sie zu schultern haben?

Claudia Vera: Wir beobachten, dass die Kolleginnen und Kollegen aus den Projekten in dieser Zeit enger zusammengewachsen sind, die Arbeit im Team noch wichtiger geworden ist. So erstaunlich es klingt, es hat in diesen schweren neun Monaten, die hinter uns liegen, praktisch keine Kündigungen und Personalwechsel gegeben. Das Bewusstsein, den Kindern wirkungsvoll helfen zu können, weil eben die Unterstützung durch die Kindernothilfe und auch den chilenischen Kindergartenverband JUNJI weitergeflossen ist, hat ganz viele Kräfte mobilisiert. Und durch die zusätzlichen Humanitäre Hilfe-Projekte der Kindernothilfe gelang es in vielen Familien, die extremsten Krisensituationen zu entschärfen. Wir nehmen in den Teams ein ganz hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein und eine beeindruckende Motivation wahr! Und dann gibt es ja auch die tollen Momente, in denen es gelingt, die Kinder – und sei es am Handy – zum Lachen zu bringen, mit ihnen über das Internet zu spielen, online-Techniken für witzige, kreative Aktionen, an denen mehrere Kinder beteiligt sind, auszuprobieren.

Kindernothilfe: Was wäre denn für Euch ein positiver Aspekt, der sich diesen heftigen, belastenden Monaten seit März abgewinnen ließe?

José Horacio Wood: Wir sehen uns, so kurios das klingt, deutlich mehr mit den Kolleginnen und Kollegen aus den Projekt-Teams als vor der Pandemie. Natürlich nur im Internet, aber das ist schon eine neue Erfahrung, über Monate hinweg ganz, ganz intensiv und nahe an der Situation der Kinder, der Familien und der Nachbarschaften rund um die Projekte dran zu sein – und dabei eben auch gefordert zu werden. Unsere Arbeit hat sich in diesen Monaten stark verändert, sie ist intensiver, herausfordernder geworden – und es fällt oft noch schwerer als früher, sich auch wieder ausklinken zu können. Trotzdem sind wir fest entschlossen, diese motivierende Nähe zu den Teams auch in die Zeit nach Corona zu retten!

Das Interview führte Jürgen Schübelin mit Claudia Vera und José Horacio Wood vom Kindernothilfepartner in Chile Fundación ANIDE: Kindernothilfe-Partner zwischen Zuversicht und Ernüchterung / Corona und die Folgen.

Eines der weltweit brutalsten neoliberalen Modelle könnte endlich überwunden werden. Denn mit ihrem historischen Votum im Oktober verbanden hunderttausende Chilenen, die durch ihre Proteste seit dem "estallido social", dem Beginn der Massendemonstrationen vor einem Jahr, diesen Volksentscheid erzw[...]

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23. November 2020

Ruanda: Aus Feinden wurden Freunde

Murekatete hat eine beeindruckende Geschichte zu erzählen. Sie handelt von Perspektivlosigkeit, Isolation, Bitterkeit und unbeschreiblicher Gewalt. Aber noch mehr von Hoffnung, Versöhnung und Solidarität. Und von einer Gruppe von Frauen, die sich mit etwas Anleitung auf beeindruckende Weise selbst geholfen hat.

Murekatete (3.v.l.) und die SHG Duterimbere (Foto: Felix Kaloki)
Murekatete (3.v.l.) und die SHG Duterimbere (Foto: Felix Kaloki)

Ruanda, das Land der tausend Hügel. Und Heimat von Murekatete, einer der Frauen aus der Selbsthilfegruppe Duterimbere.

Heute ist Ruanda Musterbeispiel für Aufschwung, für Sicherheit und Versöhnung. Mit mehr als 60 Prozent ist es das Land mit dem weltweit höchsten Anteil von Frauen im Parlament, Musterbeispiel in Sachen Antikorruption und Touristen-Hotspot. Doch das war nicht immer so. Vor 25 Jahren wütete in dem kleinen Land ein Völkermord, der mit rund einer Million Menschenopfer zu einer der größten menschlichen Katastrophen der jüngeren Geschichte zählt. Auch nach dem Ende des Mordens hinterließ er Millionen Geflüchtete, zerstörte soziale Beziehungen und tiefe Wunden im kollektiven Gedächtnis der Überlebenden.

Landschaften im Norden Ruandas (Foto: Jakob Studnar)
Landschaften im Norden Ruandas (Foto: Jakob Studnar)

Die Rückkehr nach Ruanda

Murekatete kehrte 1995 mit leeren Händen nach Ruanda zurück, mit zwei Kindern, einem dritten im Bauch und niemandem, an den sie sich wenden konnte. Wie viele andere hatte sie in das Nachbarland DR Kongo fliehen können und war so dem Grauen des Völkermords entkommen. Ihre Beschreibungen sind eindrücklich. „Die Gewalt fing klein an, doch es kam eine Zeit, in der sich die Gewalt ausbreitete wie ein Feuer, das kein Gras, sondern Leben verzehrte und unvergesslichen Schmerz und Elend für jene hinterließ, die dem Tod entkamen.“ Noch heute fühle sich die Erinnerung frisch an, sagt sie.

Jeder trug den Schmerz der Erinnerungen in sich und lebte in Angst vor dem nächsten Tag. Ich trug Bitterkeit in mir. Ich hatte Nachbarn, doch sah sie als Feinde, als Menschen, die zu meinem Leiden und dem Verlust geliebter Menschen beigetragen hatten. Wir waren alle arm.

Murekatete

Ihre Unterkunft bestand aus einer blauen Plane des UN-Flüchtlingshilfswerks; Nahrungsmittelhilfen und kleine Jobs hielten sie über Wasser. Auch als sie später in eine richtige Unterkunft ziehen konnte, mangelte es an allem. Murekatete beschreibt ein Leben in extremer Armut, geprägt von den vergifteten Beziehungen.

Ein Neuanfang in der Selbsthilfegruppe

Vor nunmehr sechzehn Jahren kam eine Mitarbeiterin vom Kindernothilfe-Partner African Evangelistic Enterprise in ihr Dorf. Sie machte Murekatete und die anderen zum ersten Mal mit dem Konzept einer Selbsthilfegruppe bekannt. Es basierte auf den drei Säulen der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Befähigung und richtete sich besonders an Menschen am Rande der Gesellschaft – wie Murekatete. Sie sollten nach und nach in die Lage versetzt werden, ein selbstbestimmtes Leben als Teil einer Gemeinschaft zu führen, die eigenen Rechte erfolgreich einzufordern und somit nachhaltige Veränderungen der Lebensbedingungen für sich und die sie umgebenden Gemeinschaften herbeiführen. Das klang erstmal gut, doch was bedeutete es konkret?

Bei einer SHG geht es zunächst einmal ganz schlicht darum, den Mitgliedern zu ermöglichen, sich und ihre Familien materiell zu versorgen. Von zentraler Bedeutung war die Erkenntnis, dass die Mitglieder selbst am besten wissen, was sie am nötigsten brauchen. Sie können deshalb auch am besten beurteilen, wofür Geld ausgegeben werden soll. Es ging also nicht um übergestülpte Pläne von außen, sondern um die Unterstützung eines Prozesses; eigene Entscheidungen zu fällen über eigenes Geld und für selbst gewählte Ziele. Hilfe zur Selbsthilfe eben.

Murekatete (links) in der SHG Duterimbere (Foto: Felix Kaloki)
Murekatete (links) in der SHG Duterimbere (Foto: Felix Kaloki)

Eine Selbsthilfegruppe besteht meist aus 20 Frauen aus der ärmsten Bevölkerungsschicht eines Dorfes oder Bezirks, die sich regelmäßig treffen, ihre Anliegen und Probleme diskutieren, und: Gemeinsam Geld sparen und sich daraus gegenseitig Kredite vergeben. Diese Kredite ermöglichen es den Mitgliedern, kleine Investitionen in ihre Geschäftsideen zu machen. Mithilfe dieser Investitionen ist es nun möglich, die Lebenssituation der Familie aus eigener Kraft Stück für Stück zu verbessern, was wiederum weitreichende Folgen für die Ernährungssituation, Bildung und Gesundheit der Kinder hat.

Die SHG als Ort der Versöhnung

Murekatete und die anderen waren zunächst wenig überzeugt, das Ganze schien ihnen nicht geeignet, ihre Probleme zu lösen. Vor allem aus Mangel an Alternativen entschlossen sich dann aber 19 von ihnen doch dazu, dem Vorschlag eine Chance zu geben, und gründeten die SHG Duterimbere („mit Begeisterung vorangehen“). Sie sparten zunächst geringe Beträge, nahmen kleine Kredite für unmittelbare Bedürfnisse auf. Vor allem jedoch begannen die Frauen, in den wöchentlichen Meetings zusammenzuwachsen.

Durch die SHGs fanden wir Freunde und wurden wie Verwandte, die ihre Probleme diskutieren und sich gegenseitig im Falle von Krankheit oder anderen Herausforderungen helfen. In der SHG bist du niemals allein, und jedes wöchentliche Treffen war Therapie.

Murekatete

Doch damit nicht genug. Das ganzheitliche Konzept der SHGs umfasste eine ganze Bandbreite an Initiativen und Bildungsangeboten. So lernten die Frauen nicht nur über Buchhaltung und erfolgreiche Geschäftsmodelle, sondern auch über Gesundheit, Kinder- und Menschenrechte, kommunale Entwicklung, Führungs- und Versöhnungsarbeit und vieles Weitere.

Foto: Ralf Krämer
Foto: Ralf Krämer

Und es ging dabei nicht nur um individuelle Befähigung. Ein wichtiger Pfeiler für nachhaltige Veränderungen sind funktionierende Institutionen, die den Mitgliedern einer Gesellschaft erlauben, ihre Interessen und Bedürfnisse bei den jeweiligen Autoritäten vorzubringen und ihre Rechte einzufordern. Die Selbsthilfegruppen schließen sich deshalb in Dachverbänden zusammen, um genau dies zu tun: politische Entscheidungsträger auf die Probleme ihrer Gemeinschaften hinzuweisen und durch ihre Forderungen dann Veränderungen in ihrer Region oder ihrem direkten Umfeld zu erwirken. Der Selbsthilfeansatz ist damit nicht nur nachhaltiger als kurzfristige finanzielle Hilfen, er geht auch weit über die ökonomische Seite hinaus. Neben der materiellen Verbesserung strahlt er in viele weitere Lebensbereiche der Mitglieder und der sie umgebenden Lebensgemeinschaften aus.

Im Laufe der Zeit veränderte sich die Gruppe nun auch wirtschaftlich. Sie sparte immer größere Beträge, nahm Kredite für Investitionen auf. Heute vermietet Murekatete neun Zimmer und hat ein gutes und regelmäßiges Einkommen. Sie hat ihre Kinder zur Schule und dann auf die Universität schicken können und freut sich, dass sie es einmal besser haben werden, als sie es hatte. Die meisten Frauen aus ihrer Gruppe haben heute ein geregeltes Einkommen; alles dank der Investitionen, die sie über die Jahre machen konnten.

Doch nicht nur das. Sie haben Selbstwirksamkeit, Autonomie und Gemeinschaftsgefühl wiedererlangt, wurden höchst erfolgreiche „Schmiedinnen ihres Glückes“. Und übten Versöhnung an einem Ort, der dafür wohl schwerer nicht sein könnte. Durch die vielseitigen Weiterbildungen im Rahmen der SHG sind sie hoch angesehene Mitglieder und Repräsentanten ihrer Gemeinden geworden. Viele Frauen sitzen in diversen Führungspositionen und Entwicklungskomitees, vertreten deren Interessen nach außen. Sie sind in gemeinsamen Dachverbänden mit anderen SHGs organisiert und damit eine selbstbewusste politische Kraft geworden, die Probleme aufzeigt und ihre Rechte einfordert.

So wirkt das Konzept der Selbsthilfegruppen weit in die sie umgebende Gesellschaft hinein, als „mächtiger und ganzheitlicher Wandlungsprozess für die gesamte Gemeinschaft und die Region“, wie John Kalenzi, Teamleiter von AEE resümiert.

Murekatete hat eine beeindruckende Geschichte zu erzählen. Sie handelt von Perspektivlosigkeit, Isolation, Bitterkeit und unbeschreiblicher Gewalt. Aber noch mehr von Hoffnung, Versöhnung und Solidarität. Und von einer Gruppe von Frauen, die sich mit etwas Anleitung auf beeindruckende Weise selbs[...]

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17. November 2020

„Ich fing an zu schreien, weil ich solche Angst hatte“

Die schrecklichen Bilder der gewaltigen Explosion im Hafen von Beirut gingen unmittelbar um die Welt. Genauso schnell folgte eine Welle der Solidarität – mit weltweiten Spendenaufrufen für die Menschen im Libanon. Mit den eingenommenen Spendengeldern unterstützt die Kindernothilfe die Arbeit ihrer Partnerorganisationen vor Ort. Damit können sie Kindern und ihren Familien in dieser Notsituation helfen und sie schützen. So etwa auch Marc, neun Jahre alt, der die traumatisierenden Minuten in Beirut miterlebt hat und nun therapeutische Hilfe bekommt.

Grauschwarze Rauchwolken steigen am Hafen von Beirut empor. Sie kommen aus einer großen Lagerhalle. Blitze sind zu sehen. Es brennt. Wenige Sekunden später dann die schreckliche Katastrophe: Eine gewaltige, ohrenbetäubende Explosion erschüttert Beirut. Eine pilzförmige Rauchwolke bedeckt den blauen Himmel. Die Videos und Bilder von Augenzeugen, die diese Explosion am frühen Abend des 4. August gefilmt haben, gingen sofort um die Welt. 

Marc berichtet vom Abend der Explosion in Beirut. (Foto: ALPHA Association)
Marc berichtet vom Abend der Explosion in Beirut. (Foto: ALPHA Association)

„Ich habe im Zimmer meiner Eltern Videospiele gespielt. An dem Tag war es sehr heiß. Deswegen waren alle Fenster geschlossen, und die Klimaanlage war eingeschaltet. Als dann die erste Explosion kam, dachte ich, es sei ein schweres Erdbeben. Das Gebäude wackelte hin und her. Bei der zweiten Explosion sind alle Fenster zersprungen. Das kaputte Glas lag überall auf dem Boden und dem Bett. Ich fing an zu schreien, weil ich solche Angst hatte. Ich wusste nicht, was los war. Meine Mutter und meine beiden ältesten Schwestern haben mich gepackt, und wir sind schnell zu unseren Nachbarn im Erdgeschoss gerannt, um uns zu verstecken. Aber auch in der Wohnung lag überall Glas, die Türen und Möbel waren kaputt. Als mein Vater später am Abend nach Hause kam, sind wir zurück in unsere Wohnung gegangen und haben angefangen, aufzuräumen.“

Die Katastrophe trifft ein bereits angespanntes Land

190 Menschen haben an diesem Abend ihr Leben verloren, über 6.000 wurden verletzt. Viele Menschen gelten weiterhin als vermisst. Etwa 300.000 Einwohner haben in wenigen Sekunden ihr Zuhause verloren. Auch 120 Schulen, die von 55.000 libanesischen und nicht-libanesischen Kindern genutzt werden, wurden stark beschädigt. Die bisherigen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass 2.750 Tonnen konfisziertes Ammoniumnitrat explodiert sind, die bereits seit sechs Jahren dort kaum gesichert gelagert wurden.

Die Katastrophe trifft ein bereits angespanntes Land. Covid-19 wütet seit Monaten im Libanon, und schon vor der Explosion stiegen die Zahlen der Infizierten und Toten in die Höhe. Die Gesundheitsversorgung war labil, und die Intensivstationen der Krankenhäuser waren ohnehin schon an ihren Kapazitätsgrenzen. Die Explosion hat nun viele Kliniken teilweise oder komplett zerstört. In der Notsituation konnten draußen auf den Straßen die Abstandsregeln kaum noch eingehalten werden. Hinzu kommt eine schon lange herrschende starke Wirtschafts- und Finanzkrise, die die Menschen in die Verzweiflung treibt. Die Wut über die Regierung ist groß – das zeigten auch die unmittelbaren Proteste in der Stadt gegen die Regierung, die nach einigen Tagen zurücktrat.

Schnelle Hilfe nach der Explosion. (Foto: AMURT)
Schnelle Hilfe nach der Explosion. (Foto: AMURT)

Wichtige Hilfe für traumatisierte Kinder

„Ein paar Nächte konnte ich nicht alleine in meinem Bett schlafen. Ich hatte sehr viel Angst. Ich habe dann bei meinen Eltern geschlafen, bin aber immer wieder aufgewacht, weil ich schlecht geträumt habe. Meine Familie hat sich ein paar Tage später dazu entschieden, ein Haus in einem Dorf in den Bergen zu mieten, damit ich nicht mehr so viel Angst habe. Die Stimmung in der Stadt war sehr traurig. Seit ich im Dorf bin, geht es mir ein bisschen besser. Ich habe ein paar Narben. Jedes Mal, wenn ich ein lautes Geräusch höre, zittere ich am ganzen Körper und renne zu meinen Eltern.“

„Ich versuche, mehr und mehr von diesem Tag zu vergessen. Das Leben der Kinder, die ich in Disney-Filmen sehe, scheint viel einfacher zu sein als meins. Vergangenes Jahr haben wir noch im Park gespielt und geschaukelt. Ich vermisse meine Freunde. Ich habe sie lange nicht mehr gesehen. In der Stadt konnte ich mit meinen Freunden immer noch per WhatsApp schreiben. Aber hier ist das Internet sehr schlecht.“

Die Kinder bekommen professionelle Hilfe, das Erlebte richtig zu verarbeiten. (Foto: AMURT)
Die Kinder bekommen professionelle Hilfe, das Erlebte richtig zu verarbeiten. (Foto: AMURT)

„Meine Schule wurde durch die Explosion schwer beschädigt. Die Wände sind eingestürzt und Fenster zerbrochen. Eine Lehrerin war ausgerechnet am Abend der Explosion in der Schule. Eine Mauer ist auf sie gefallen, und sie ist gestorben. Die Schulen sind wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Wäre sie geöffnet gewesen, wären viele von uns gestorben. Ich weiß noch nicht, wie das nächste Schuljahr sein wird. Ich hoffe, ich darf dann wieder zum Unterricht gehen und meine Freunde wiedersehen.“

Unser Partner ALPHA Association erhält Unterstützung für seinen Solidaritätsfond, damit 300 Familien ihre zerstörten Wohnungen und Häuser soweit reparieren können, dass diese wieder bewohnbar sind. Unser Partner AMEL bekommt von uns eine finanzielle Unterstützung für seinen Solidaritätsfonds, aus dem medizinische Beratung, Erstversorgung, Medikamente sowie Wasser und Nahrungsmittel inklusive Obst und Gemüsekörbe finanziert werden.
Die Organisation AMURT Lebanon, mit der wir ebenfalls zusammenarbeiten, nutzt das Geld für ein Projekt zur psychosozialen Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern. Außerdem stellt dieser Partner zielgruppengerechtes Lehrmaterial wie Videos zu mentaler Gesundheit und Traumabewältigung für eine Online-/TV-Sensibilisierungskampagne zur Verfügung.
Der vierte Partner Connect Children Now (CCN/DCI) ermöglicht individuelle, psychosoziale Therapie für traumatisierte Kinder. Zudem zeigen Mitarbeitende des Projektes den Eltern, wie sie nach der Katastrophe die psychische Gesundheit ihrer Kinder schützen können. Außerdem klären sie über Covid-19 auf und wie sie eine Ansteckung vermeiden können.

Die schrecklichen Bilder der gewaltigen Explosion im Hafen von Beirut gingen unmittelbar um die Welt. Genauso schnell folgte eine Welle der Solidarität – mit weltweiten Spendenaufrufen für die Menschen im Libanon. Mit den eingenommenen Spendengeldern unterstützt die Kindernothilfe die Arbeit ih[...]

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6. November 2020

Peru: Von Selbstvertrauen und Kinderrechten

Die wuchernden Vororte von Lima sind nicht für Kinder gemacht. Fließend Wasser, Grünflächen, Spielplätze? Fehlanzeige. Viele Kinder müssen arbeiten, und an den Schulen ist vor allem Mobbing ein Problem. Genau da setzt der peruanische Kindernothilfe-Partner IFEJANT an: An zwei Schulen unterstützt er Teams, die zum Beispiel einen eigenen Schulkiosk betreiben oder für ein faires Miteinander eintreten. Dadurch übernehmen sie Verantwortung, entwickeln Selbstbewusstsein und üben sie schon mal für ihr späteres Berufsleben. Obendrein erfahren sie viel über Kinderrechte.

Sorgfältig malen die Kinder Plakate für die Anti-Mobbing-Kampagne – im Hintergrund der Kasten für anonyme Anzeigen von Mobbing-Fällen. (Foto: Lorenz Töpperwien)
Sorgfältig malen die Kinder Plakate für die Anti-Mobbing-Kampagne – im Hintergrund der Kasten für anonyme Anzeigen von Mobbing-Fällen. (Foto: Lorenz Töpperwien)

Für Kiara ist Kinderarbeit selbstverständlich

Santa Maria del Triunfo ist einer jener Vororte, die Limas größtes Dilemma verraten: Die peruanische Hauptstadt platzt aus allen Nähten. Wie ein Magnet zieht die 10-Millionen-Metropole arme Familien aus dem Andenhochland an. Dort oben, im rauen Klima der Berge, gerät Feldarbeit schnell zum Überlebenskampf. Jeder muss mit anpacken, die Arbeit ist hart, auch die Kinder werden nicht geschont. Immer mehr Menschen versuchen deshalb ihr Glück in Lima – und treffen dort auf knappen Wohnraum und hohe Lebenshaltungskosten. Geregelte Arbeit gibt es kaum, also halten sich die Zuwanderer mit informellen Jobs über Wasser, die wenig Geld einbringen. „Alltag für über 70 Prozent der Hauptstadtbevölkerung“, erklärt Elvira Figueira, Projektleiterin bei IFEJANT.

Bei den Eltern der Kinder, die sie betreut, sieht das nicht anders aus. Einige sind als Händler erfolgreich und können sich in Einzelfällen sogar einen gebrauchten Lastwagen leisten, mit dem sie Bauholz oder andere Güter transportieren. Die meisten jedoch verkaufen ihre Ware auf der Straße oder auf dem Markt, oder sie gehören zu dem Heer der Tuktuk-Fahrer, die mit ihren meist klapprigen Gefährten Passagiere gegen kleines Geld von A nach B befördern.

Von den Kindern wird erwartet, dass sie mithelfen. Für die elfjährige Kiara ist das ganz selbstverständlich. Ihre Mutter steht täglich um Mitternacht auf, fährt eine Stunde mit dem Bus zum Großmarkt von Lima, kauft dort Gemüse, lässt es per Lastentaxi zu ihrem kleinen Marktstand schaffen, was wieder eine Stunde dauert, richtet dort alles her und hat mit etwas Glück um fünf Uhr morgens ihre ersten Kunden. Mittags um eins oder zwei ist sie wieder zu Hause. Damit verdient sie 80 Soles, das sind etwas mehr als 20 Euro. Kiara hilft an den Wochenenden, von fünf Uhr früh bis zwölf Uhr mittags verkauft sie Mais und anderes Gemüse. Auf diese Weise spart die Familie 30 Soles – das ist der Tagessatz für eine Aushilfskraft

Kiara verkauft am Wochenende zusammen mit ihrer Mutter auf dem Markt Gemüse. (Foto: Lorenz Töpperwien)
Kiara verkauft am Wochenende zusammen mit ihrer Mutter auf dem Markt Gemüse. (Foto: Lorenz Töpperwien)

Maria schämt sich nicht für ihre Arbeit

Kiara trägt ihren Teil zum Familieneinkommen bei. Trotzdem legt ihre Mutter großen Wert darauf, dass sie zur Schule geht und am Wochenende genug Zeit für ihre Hausaufgaben hat. Dasselbe gilt für Maria. Mittlerweile besucht sie die Mittelschule. Nach dem Unterricht geht sie täglich für eine Stunde zum Straßenstand ihrer Großmutter und verkauft Süßigkeiten. Das Geld, das sie dabei verdient, spart sie – zum Beispiel, um damit das Studium ihrer Schwester zu unterstützen.

Ich schäme mich nicht dafür, dass ich arbeiten muss.

Maria, 12

Seit Jahren kämpft der Kindernothilfe-Partner in Peru gegen ausbeuterische Kinderarbeit. Zugleich vermittelt er den Kindern und Jugendlichen Fertigkeiten, die ihnen den Zugang zu sicheren Jobs erleichtern. Dabei verfolgt er einen praktischen Ansatz. Zum Beispiel lernen die Kinder, gemeinsam einen Kuchen zu backen – vom Erwerb der Zutaten auf dem Markt über die Preiskalkulation bis zum Verkauf des fertigen Produkts vor dem Elternhaus oder der Schule.

Die Erfahrungen, die sie dabei sammeln, ermutigen sie, Neues auszuprobieren. Dabei ist es IFEJANT wichtig, dass die Kinder selbst entscheiden, was sie in ihren Schulprojekten machen. „Durch die gemeinsame Arbeit habe ich viel Selbstvertrauen gewonnen“, erinnert sich Maria. Wenn sie groß ist, will sie gerne Polizistin werden. Ob sie keine Angst vor Verbrechern habe? „Mir wird schon nichts passieren!“, sagt sie lächelnd.

Maria vor dem mobilen Verkaufsstand ihrer Oma – sie arbeitet hier täglich eine Stunde. (Foto: Lorenz Töpperwien)
Maria vor dem mobilen Verkaufsstand ihrer Oma – sie arbeitet hier täglich eine Stunde. (Foto: Lorenz Töpperwien)

Oscar will einmal Sänger werden

Am entgegengesetzten Ende von Lima, in Puente Piedra, besucht der elfjährige Oscar ein ganz ähnliches Schulprojekt in der Grundschule José Antonio Encinas. Der Bub ist sehr klein für sein Alter und ein ziemlicher Wirbelwind. Der Vater arbeitet auf dem Bau, die Mutter verdient ihr Geld als Sängerin peruanischer Volkslieder. Zusammen mit Oscars kleinem Bruder bewohnt die Familie ein kleines, sauberes Häuschen an den staubigen Hängen der Vorstadt.

Jedes Wochenende nimmt die Mutter Oscar zu ihren Gesangsauftritten mit. Oft fängt er dann ganz unvermittelt an zu tanzen. Das berührt manche Zuschauer so sehr, dass sie ihm Geld zustecken. Auf diese Weise hat er schon 170 Soles verdient, etwa 45 Euro. Einen Teil davon hat sich die Mutter als Kredit ausgeliehen, um Schulhefte und Stifte zu kaufen. Da war gerade das Geld knapp, weil der Vater seinen Wochenlohn nicht rechtzeitig bekam. Eines Tages will er in ihre Fußstapfen treten und selbst Sänger werden, aber bis dahin dauert es noch ein bisschen.

Mobbing und Gewalt? Ohne uns!

Die halbe Stunde Fußweg zur Schule macht ihm nichts aus, er hüpft die Treppen hinauf und hinab wie ein Gummiball. Seine schier unerschöpfliche Energie fließt neuerdings auch in ein Projekt, das IFEJANT vergangenes Jahr startete. Die Idee dazu kam von den Schülern selbst. Ihr Ziel: Schluss mit dem allgegenwärtigen Mobbing. Das äußert sich in Peru meist in Form von massiver sozialer Ausgrenzung und macht auch an Oscars Schule vielen Kindern das Leben schwer.

Oscar ist eines von rund 90 Kindern, die sich in festen Gruppen treffen und neue Mobbingfälle besprechen. Dafür opfern er und seine Mitstreiter täglich einen Teil ihrer Pausenzeit. Heute allerdings ist das anders: Die alljährliche Info-Kampagne steht bevor, deshalb hat der Schuldirektor den Kindern erlaubt, sich während des Unterrichts zu treffen. Sie bereiten Plakate vor, die sie an die Wände der Schulflure hängen. Dann ziehen sie durch die Klassen, stellen sich und ihre Arbeit vor und ermutigen ihre Mitschüler, sie anzusprechen, wenn sie Mobbing in ihrer Klasse erleben oder selbst zur Zielscheibe von Gewalt werden.

Reportage Peru: "Von Selbstvertrauen und Kinderrechten"; Foto: Kind malt Plakat (Quelle: Lorenz Töpperwien / Kindernothilfe)
Sorgfältig malen die Kinder Plakate für die Anti-Mobbing-Kampagne – im Hintergrund der Kasten für anonyme Anzeigen von Mobbing-Fällen.

DESNNA nennt sich das Projekt: Defensoria Escolar del Niño, Niña y Adolescentes – Schutz für Schülerinnen und Schüler. Eine ganz wichtige Rolle dabei spielt der „Buzon DESNNAs“. Das ist eine Art Kummerkasten, in dem Kinder Mobbingfälle anonym melden können. Dafür suchen die verschiedenen DESNNA-Teams dann Lösungen, die sie einmal in der Woche mit ihren Betreuern von IFEJANT abstimmen. In besonders schweren Fällen ziehen sie auch die beiden Vertrauenslehrer der Schule hinzu.

Mit viel Elan malen die Schülerteams an ihren Plakaten. Sie leisten großartige Arbeit, lobt Elvira Figueira. Durch ihre Initiative wird das Thema Mobbing an ihrer Schule nicht mehr totgeschwiegen, sondern aktiv bekämpft. Wichtig ist auch, dass sie ihre Mitschüler ganz gezielt über Kinderrechte aufklären und Vorbilder für ein gewaltloses Miteinander sind. Das finden auch die Eltern prima. „Gewalt“, sagt eine Mutter, „ist in Peru ein großes Problem. In den Mobbinggruppen lernt meine Tochter, sich dagegen zu wappnen.“

Die Schulbäcker von Santa Maria del Triunfo

Unser Lieblingsgebäck? „Natürlich Schokotorte“, sagen die Kinder wie aus einem Mund. Aber das, was sie hier backen, wollen sie verkaufen, deshalb brauchen sie mehr Abwechslung im Speiseplan. Heute steht deshalb Carlota de Fresa auf dem Programm, eine leckere Erdbeer-Creme mit Kekseinlage. Diesen Nachtisch haben sie sich selbst ausgesucht. So machen sie es immer: Die Lehrerin schlägt ein paar Desserts vor, die Kinder treffen gemeinsam eine Wahl, und schon geht’s los.

Reportage Peru: "Von Selbstvertrauen und Kinderrechten"; Foto: Zwei Kinder an einer Küchenmaschine (Quelle: Lorenz Töpperwien / Kindernothilfe)
Hier entsteht gerade der Keksteig für das Erdbeer-Dessert. Die Kochmütze darf natürlich nicht fehlen.

Die Schulbäckerei in Limas Armenviertel Santa Maria del Triunfo ist ein Projekt des Kindernothilfe-Partners IFEJANT. Die Kinder lernen hier viel mehr als Kuchen zu backen und Desserts zu kreieren. Allein die Einkaufsliste ist eine Herausforderung. Welche Zutaten brauchen wir, um zum Beispiel 100 Becher Carlota de Fresa zu erhalten? Wie viel kostet uns das? Was können wir daran verdienen? Warenliste, Kalkulation, das Ausrechnen von Einkaufs- und Verkaufspreis – all das gehört ganz selbst-verständlich zu den Aufgaben der Schüler in der Schulbäckerei. Nur den Einkauf nimmt ihnen IFEJANT ab.

Das Backen ist dann wieder Gemeinschaftsaufgabe – in Kittel und Kochmütze natürlich, wie es sich gehört. Jeder hat hier seine Aufgabe, auch das Aufräumen am Schluss gehört dazu. Da kommen leicht zwei Stunden zusammen, und das ist noch nicht alles: Die Carlota de Fresa muss frisch verkauft werden, sonst wird sie schlecht. Also ziehen die Kinder danach in Gruppen los und bringen das Dessert unter die Leute. Mittlerweile sind sie in der Nachbarschaft der Schule schon bekannt, auch deshalb, weil sie offensichtlich so großen Spaß haben.

Reportage Peru: "Von Selbstvertrauen und Kinderrechten"; Foto: Kinder arbeiten in der Küche (Quelle: Lorenz Töpperwien / Kindernothilfe)
„Backe, backe Kuchen“: In der Schulbäckerei von Santa Maria del Triunfo steht heute Erdbeer-Creme auf dem Programm.

„Verkaufen ist wunderbar“, finden Meylin und Camila. Der Erlös fließt zurück in die Bäckerei, aber als besonderen Anreiz erhalten die Kinder am Jahresende einen kleinen Anteil für sich. Meylin hat sich damit einen Traum erfüllt: ein eigenes Bett. Jetzt muss sie sich nicht mehr mit der Mutter ein Bett teilen. Das übrig gebliebene Geld hat sie für später zurückgelegt.

Reportage Peru: "Von Selbstvertrauen und Kinderrechten"; Foto: Zwei Kinder präsentieren Kuchen (Quelle: Lorenz Töpperwien / Kindernothilfe)
Alles selbst gemacht: vom Einkauf der Zutaten übers Backen bis zum Verkauf.

Für die Kinder ist die Schulbäckerei ein großes Glück: Sie lernen viele praktische Dinge und tanken jede Menge Selbstbewusstsein. Camila erzählt, wie sie einmal außerhalb der Schule einer Gruppe von Frauen beibringen sollten, Pizza zu backen. Erst hatten sie Angst, aber dann haben sie sich extra fein gemacht und sind hingegangen. Und die Frauen? Waren überrascht, wie gut die Kinder ihnen alles erklärten, ganz ohne die Hilfe von Erwachsenen. Am Ende waren alle mehr als zufrieden.

Die wuchernden Vororte von Lima sind nicht für Kinder gemacht. Fließend Wasser, Grünflächen, Spielplätze? Fehlanzeige. Viele Kinder müssen arbeiten, und an den Schulen ist vor allem Mobbing ein Problem. Genau da setzt der peruanische Kindernothilfe-Partner IFEJANT an: An zwei Schulen unterstü[...]

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27. Oktober 2020

Chile steht vor einem politischen Neuanfang

Das Wort „Erdrutschsieg“ wirkt fast wie eine Untertreibung: Mit einem solch eindeutigen Ergebnis hatte selbst unter den größten Enthusiasten für einen politischen Neuanfang in Chile niemand gerechnet.

Chile jubelt
Chile jubelt

78,27 Prozent der an der Volksabstimmung vom Sonntag teilnehmenden Chileninnen und Chilenen votierten für die Ablösung der 1980 vom Pinochet-Regime oktroyierten alten und die Erarbeitung einer neuen Verfassung, nur 21,73 Prozent dagegen. Und auch bei der zweiten zur Entscheidung anstehenden Frage, danach, wer diese neue Verfassung denn jetzt verfassen soll, war die Antwort eindeutig: Nur 21,01 Prozent unterstützten das von der Regierung propagierte Modell, die zukünftige Magna Carta von einem Gremium erarbeiten zu lassen, das sich zur Hälfte aus aktiven Mandatsträgern und zur anderen Hälfte aus für diesen Zweck zu wählenden Delegierten zusammensetzt. Stattdessen sprachen sich 78,99 Prozent der Abstimmenden dafür aus, einen Verfassungskonvent zu wählen, in dem nicht Berufspolitikerinnen und -Politiker den Ton angeben, sondern Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft. An dem historischen Plebiszit vom Sonntag beteiligten sich nicht nur die in Chile lebenden Stimmberechtigten, sondern über die Botschaften und Konsulate auch die chilenische Diaspora-Gemeinde in der ganzen Welt. Hier waren die Ergebnisse zum Teil noch eindeutiger: In Österreich entfielen 86,05 Prozent auf „apruebo“, also die Entscheidung für eine neue Verfassung, in der Schweiz 87,82 %, in Deutschland waren es 89,58 Prozent – und in Berlin, wo eine der größte Chile-Communities in Europa lebt, sogar 94,73 % (Alle Angaben: Servicio Electoral de Chile – servel.cl).

José Horacio Wood, der Direktor der chilenischen Kindernothilfe-Partnerorganisation Fundación ANIDE, beschrieb die Gefühlslage unter den Projektteams im Partnerland am Montagnachmittag so: „Wir sind überglücklich über dieses derart eindeutige Votum für eine neue Verfassung – und darüber, dass das jetzt über einen partizipativen Prozess durch eine komplett neu zu wählende verfassungsgebenden Versammlung geschehen soll. Aber“, so Wood weiter, „jetzt beginnt der schwierigste Teil dieses Weges: Es geht darum, dass diese Verfassungskonvention so zusammengesetzt ist, dass es am Ende wirklich gelingt, die Menschenrechte und die sozialen Rechten zu garantieren, Prinzipien eines Sozial- und Rechtsstaats durchzusetzen, bürgerschaftliche Teilhabe zu garantieren, die Rechte der indigenen Bevölkerung endlich anzuerkennen – und die Privatisierung von Gemeinschaftsgütern wie Wasser rückgängig zu machen.“

Das Wort "Erdrutschsieg" wirkt fast wie eine Untertreibung: Mit einem solch eindeutigen Ergebnis hatte selbst unter den größten Enthusiasten für einen politischen Neuanfang in Chile niemand gerechnet. Chile jubelt 78,27 Prozent der an der Volksabstimmung vom Sonntag teilnehmenden Chileninne[...]

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