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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

18. März 2022

Mit offenen Armen empfangen

Seit Kriegsbeginn konnte unser Partner CONCORDIA Sozialprojekte sieben Notunterkünfte in Moldau als Zufluchtsort für Flüchtlinge einrichten. Einige Familien bleiben nur eine Nacht, bevor sie nach Polen oder Deutschalnd weiterziehen. Doch viele bleiben auch hier, möchten abwarten bis der Krieg vorbei und nicht zu weit von Zuhause weggehen. So wie Tina, Inesa und Daria.

Wir fühlen uns willkommen

Tina flüchtete Anfang März mit ihrer Mutter und ihren drei jüngsten Kindern – Valeriia, Oleksandr und Veronika im Alter von 2, 4 und 8 Jahren – zu uns. Ihre beiden erwachsenen Söhne (19 und 23 Jahre) blieben in Odessa. Die 5-fache Mutter hofft, dass sie bald nach Hause zurückkehren können und möchte nicht wie andere Familien in ein anderes Land ziehen.

Tina und ihre Familie haben im CONCORDIA Haus in Moldau Zuflucht gefunden (Quelle: CONCORDIA Sozialprojekte)
Tina und ihre Familie haben im CONCORDIA Haus in Moldau Zuflucht gefunden (Quelle: CONCORDIA Sozialprojekte)

Bei CONCORDIA fühlen wir uns willkommen. Die Moldauer*innen haben uns mit offenen Armen empfangen. Solange es in Ordnung ist, möchten wir hier bleiben, bis wir nach Hause, nach Odessa, zurückkehren können. Ich mache mir solche Sorgen um meine Söhne, ich kann es kaum erwarten, sie wiederzusehen.

Tina aus Odessa

Wir sind in Sicherheit

Auch Inesa geht es ähnlich. Sie erinnert sich an die erste Kriegsnacht, als wäre es nur ein paar Stunden her.

Ich habe den Fernseher eingeschaltet und als ich Putins Rede sah, wusste ich, dass der Krieg beginnt. Mein Mann zog seinen Mantel an und ging ohne Fragen und Zögern in die Arbeit, denn dafür ist die Armee da – um das Land zu verteidigen. Er ging zur Arbeit und kam nicht wieder nach Hause.“

Inesa
Inesa und Karina sind im CONCORDIA Haus in Moldau in Sicherheit (Quelle: CONCORDIA Sozialprojekte)
Inesa und Karina sind im CONCORDIA Haus in Moldau in Sicherheit (Quelle: CONCORDIA Sozialprojekte)

Kurz darauf begannen die Explosionen. Ein Notfallkoffer stand schon bereit, also weckte Inesa ihre 6-jährige Tochter Karina und entschoss sich ihr die Wahrheit zu erzählen: Dass Russland die Ukraine angreift und sie fliehen müssen. Inesa versuchte ihre Tochter zu beruhigen, Mut zu bewahren und meinte, dass alles gut werden würde. Doch dann fragte Karina: „Mama, werden sie Papa nicht töten?“. „Papa wird Frieden in seinem Herzen finden, wenn wir beide in Sicherheit sind”, antwortete Inesa traurig. Und so machten sie sich auf den Weg nach Moldau in eines der CONCORDIA Häuser.

Es kam ganz anders

„Wir leben im 21. Jahrhundert, das wird nicht passieren! Denkst du wirklich sie werden Menschen mit Bomben attackieren?“, fragte Oleksiy als sich seine Frau Daria über einen möglichen Einmarsch der russischen Armee sorgte. Die Beiden hatten in den letzten Jahren einen Handel mit Meeresfrüchten aufgebaut. Sie hatten ihrer Familie ein Zuhause geschaffen, ihre Kinder großgezogen und alles lief gut. Bis die Explosionen starteten. Oleksiy setzte seine Frau und die Kinder in ein Auto und schickte sie weg, in das Ungewisse, in die ersehnte Sicherheit. Er selbst blieb vor Ort, um für seine Heimat zu kämpfen.

Als wir nach Moldau kamen befürchtete ich, dass uns die Menschen mit Argwohn gegenübertreten werden, Flüchtlinge sind doch immer ein schwieriges Thema. Ich habe gebetet, dass sie uns nicht mit Steinen bewerfen. Ich wusste nicht wie es sein wird. Ich habe damit gerechnet wochenlang im Auto schlafen zu müssen. Für die Sicherheit meiner Kinder hätte ich das auch in Kauf genommen.

Daria
Daria und ihre Kinder sind im CONCORDIA Haus in Moldau endlich in Sicherheit (Quelle: CONCORDIA Sozialprojekte)
Daria und ihre Kinder sind im CONCORDIA Haus in Moldau endlich in Sicherheit (Quelle: CONCORDIA Sozialprojekte)

Doch es kam ganz anders. Daria war überrascht und unglaublich dankbar wie hilfsbereit die Menschen in Moldau sie empfangen haben. Dass das ärmste Land Europas, die Arme für Flüchtlinge ausbreitet und sie mit einem warmen Platz zum Schlafen, Essen und sogar Unterhaltung für Kinder versorgt, damit hätte sie nicht gerechnet. „An dem einen Tag waren Moldauer*innen noch Fremde, am nächsten Tag wurden sie zur engsten Familie.“

Unermüdlicher Einsatz

Aktuell finden viele ukrainische Familien Zuflucht in den Notunterkünften unserer Partnerorganisation CONCORDIA Sozialprojekte in der Republik Moldau. Das kleinste und wirtschaftlich schwächste Nachbarland der Ukraine hat lt. UNHCR gemessen an der eigenen Bevölkerungszahl von etwa zweieinhalb Millionen Einwohner*innen mehr Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen hat als jeder andere Staat. CONCORDIA Sozialprojekte ist unermüdlich im Einsatz: die Mitarbeiter*innen stellen Lebensmittelpakete, Windeln, Hygieneartikel, Bettwäsche, Handtücher, Kleidung und Schuhe und alles Nötige bereit, damit es Familien wie der von Tina, Inesa und Daria gut geht. Sie verteilen jede Woche Spenden und stellen sich den täglichen Herausforderungen, wie beispielsweise Brennholz für die Häuser aufzutreiben.

Seit Kriegsbeginn konnte unser Partner CONCORDIA Sozialprojekte sieben Notunterkünfte in Moldau als Zufluchtsort für Flüchtlinge einrichten. Einige Familien bleiben nur eine Nacht, bevor sie nach Polen oder Deutschalnd weiterziehen. Doch viele bleiben auch hier, möchten abwarten bis der Krieg vo[...]

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9. März 2022

Haitis „Schützende Schule“

In der Schule von Levêque stehen neben Mathematik, Franzöisch und Geschichte auch Kinderrechte und ökologische Bewusstseinsbildung auf dem Stundenplan. Die Mädchen und Buben lernen nicht nur sich selbst vor Gewalt und Naturkatastrophen, sondern auch ihre Umwelt zu schützen.

Dem kleinen Dorf Lévêque sieht man bis heute an, dass es als Notsiedlung von nach dem Erdbeben 2010 in diese Einöde geflüchteter Familien entstanden ist (Foto: Jürgen Schübelin)
Dem kleinen Dorf Lévêque sieht man bis heute an, dass es als Notsiedlung von nach dem Erdbeben 2010 in diese Einöde geflüchteter Familien entstanden ist (Foto: Jürgen Schübelin)

Naturkatastrophen. Extreme Armut. Korrupte, skrupellose Eliten. Bis an die Zähne bewaffnete kriminelle Banden. Terrorisierte Bevölkerung in den Armenvierteln. Solche Schreckensbotschaften dringen aus dem kleinen Karibikstaat Haiti nach Europa. Ganz zu schweigen von: „Zehntausende sind verzweifelt auf der Flucht. Sie versuchen irgendwie außer Landes zu kommen und stoßen dabei fast überall in Lateinamerika und an der Grenze zu den USA auf Ablehnung und aggressiven Rassismus.“ Die beeindruckenden Beispiele für Alltags-Resilienz, für das erfolgreiche Sich-Anstemmen gegen widrigste Lebensbedingungen, hingegen gehen unter. Dabei gibt es sie! Etwa in dem von der Kindernothilfe geförderten Projekt „Schützende Schule“ in Levêque, einem kleinen Ort, rund 30 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Port-au-Prince. Jürgen Schübelin, der langjährige, frühere KNH-Referatsleiter Lateinamerika, erzählt im Interview über dieses Projekt.

Was verbindet Kindes- und Umweltschutz?

Jürgen Schübelin: Die ökologischen Kinderrechte sind in der Kindernothilfe seit vielen Jahren ein wichtiges Thema: Mit den katastrophalen Auswirkungen der Klimaveränderungen – gerade in der Karibik – wird für die betroffenen Menschen das Überleben immer schwieriger und für Kinder die Perspektive für eine Zukunft in Würde und Sicherheit immer unerreichbarer.  Bereits lange vor dem Erdbeben im Januar 2010 hatten wir in Haiti deshalb immer auch das Thema Ökologie im Blick – und in unseren Länderstrategiepapieren als Priorität benannt. Denn Umweltschutz ist hier in diesem Land ein überlebenswichtiges Thema.

Kinder der L'ecole Communautaire de Grand Samaritain-Cabaret (Foto: Kindernothilfe Partner)
Kinder der L’ecole Communautaire de Grand Samaritain-Cabaret (Foto: Kindernothilfe Partner)

Warum…?

Dafür muss man sehr weit zurückschauen. Als Kolumbus 1492 die Insel Hispaniola entdeckte, die sich Haiti heute mit dem Nachbarland Dominikanische Republik teilt, da war diese Insel ein dicht bewaldetes, von ihrer Flora und Fauna her ungeheuer reiches Stückchen Erde. Aber schon zu Zeiten als französische Kolonie und danach als Konsequenz der sich immer schneller drehenden Verarmungs- und Verelendungsspirale der Menschen in Haiti setzte sich ein brutaler Entwaldungsprozess in Gang und verwandelte das grüne Paradies in weiten Teilen in eine ausgelaugte steppenartige Gerölllandschaft. 97 Prozent der Wälder Haitis sind heute abgeholzt!

Wassersparen ist auch eine Aufgabe für die Mütter, die jeden Tag bei der Zubereitung der Mahlzeiten für die Kinder aus der Schule in Lévèque mithelfen und dabei versuchen, mit so wenig Trinkwasser wie möglich auszukommen (Foto: Jürgen Schübelin)
Wassersparen ist auch eine Aufgabe für die Mütter, die jeden Tag bei der Zubereitung der Mahlzeiten für die Kinder aus der Schule in Lévèque mithelfen und dabei versuchen, mit so wenig Trinkwasser wie möglich auszukommen (Foto: Jürgen Schübelin)

Was hat Armut mit Abholzung zu tun?

Holzkohle ist der einzige Brennstoff der Armen. Sie kochen mit Holzkohle, sie erhitzen ihr Waschwasser damit… Alles aus Holz, ob Baum oder Strauch, wird zu Brennstoff. Weite Teile Haitis sind daher nur noch Ödland. Überdies sind die Böden müde. Jahrhundertelang ließ die einstige Kolonialmacht Frankreich flächendeckend Zuckerrohr anbauen. Und Zuckerrohr laugt den Boden enorm aus. Dieser Raubbau und die Verelendung der Haitianer sind die Gründe, warum es so wichtig ist, in diesem Land seit inzwischen über zwei Jahrzehnten Nachhaltigkeit und Ökologie mit im Fokus unserer Arbeit stehen zu haben.

Die Unterrichtsbedingungen sind prekär, die Schule nur aus Wellblech und Holzbrettern errichtet - am Engagement der Kinder und der Lehrerinnen und Lehrer ändert das nicht. (Foto: Jürgen Schübelin)
Die Unterrichtsbedingungen sind prekär, die Schule nur aus Wellblech und Holzbrettern errichtet – am Engagement der Kinder und der Lehrerinnen und Lehrer ändert das nicht. (Foto: Jürgen Schübelin)

Apropos Kindernothilfe-Engagement in Haiti: Wie kommt hier das Projekt „Schützende Schule“ ins Spiel?

Diese Schule befindet sich in Levêque, einem Ortsteil der Stadt Cabaret, im Nordosten der Hauptstadt Port-au-Prince, in einer regelrechten Geröllwüsten-Landschaft. Hier mitten im Nichts haben nach dem Erdbeben im Januar 2010 viele Menschen aus der Hauptstadt versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Dabei unterstützt sie der Kindernothilfe-Partner FEPH, der unmittelbar neben dem ehemaligen Camp der Erdbeben-Überlebenden eine kleine Schule einrichtete und dabei nach einem besonderen Konzept arbeitete. Die Kinder lernen in dieser „Schützenden Schule“ nicht nur, wie sie sich vor neuerlichen Naturkatastrophen schützen, sondern auch Umweltschutz. Ganz praktisch und wesentlich ist das im Umgang mit dem wertvollen Gut Wasser. Wasser ist sündhaft teuer auf Haiti.

Warum ist Wasser in diesem Land so teuer?

Wasser wird hier mit Zisternen-Lastwagen angefahren und in Plastiktanks aufbewahrt. Es kommt also nicht aus der Leitung, daher müssen die Menschen einen wesentlichen Teil ihres Familieneinkommens aufwenden, um die Zisternen-Lieferungen bezahlen zu können. Fachleute des Deutschen Technischen Hilfswerks (THW) haben nach Erdbeben 2010 ausgerechnet, dass es kaum einen anderen Ort auf der Welt gibt, wo die Menschen mehr für die Trinkwasser bezahlen müssen, als in diesem ärmsten Land der westlichen Hemisphäre. Die „Schützenden Schule“ kostet die Wasserlieferungen im Tankwagen beispielsweise mehrere hundert US-Dollar im Monat. Daher lernen die Schulkinder, vorsichtig und respektvoll mit dem teuren Wasser umzugehen.

Jeder Tropfen Wasser zählt! Den Kindern aus der Schule in Lévêque ist bewußt, wie wichtig es ist, sparsam mit dem Trinkwasser umzugehen. Hier wird nichts verschüttet! (Foto: Jürgen Schübelin)
Jeder Tropfen Wasser zählt! Den Kindern aus der Schule in Lévêque ist bewußt, wie wichtig es ist, sparsam mit dem Trinkwasser umzugehen. Hier wird nichts verschüttet! (Foto: Jürgen Schübelin)

Was konkret lernen die Kinder in Bezug auf Wasser?

Die Kinder lernen beispielsweise, wie sie Waschwasser zum Gärtnern wiederverwenden können, in dem sie den Seifenschaum abschöpfen. Oder wie sie Phosphate mit einem ganz einfachen System herausfiltern: Sie gießen das Wasser durch eine Sand-Kiesschicht ab und fangen es unten auf. Das lernen sie in beispielsweise in der Schule. Das Wasser ist natürlich kein Trinkwasser, aber es ist gut fürs Gemüse und für die Bäumchen.

Gemüse und Bäumchen in der Steppe?

Ja, so gut wie jeder im Dorf zieht Gemüse zum Eigenbedarf. Und die Bäumchen sind ein Projekt der schützenden Schule. Sie pflanzen anspruchslose Bäume und Sträucher. Diese wiederum ziehen Vögel und Insekten an. Die Vögel transportieren die Pflanzensamen an neue Stellen… Das trägt zu mehr Biodiversität bei. Und vor allem bringt es Hoffnung. Es gibt in diesem gottverlassenen Ort nichts anderes als die Schule, in der etwas passiert, sich etwas Positives tut. Die Schule ist ein Identifikationsort, der ausstrahlt und Hoffnung gibt.

Wo genau liegt die Verbindung zwischen Umwelt- und Kinderschutz?

Das Projekt „Schützende Schule“ sieht einen engen Zusammenhang zwischen dem Schutz vor Gewalt, die Kindern – vor allem durch die Erwachsenen, mit den sie zusammenleben – und die der Umwelt angetan werden. Das gilt nicht nur für Haiti: Weltweit sehen wir: Wenn sich Umweltbedingungen positiv verändern, geht es den Menschen dort auch psychisch besser. Wenn Dörfer und Stadtteile grüner und wohnlicher werden, geht die Gewalt zurück.

Im Projekt der „Schützenden Schule“, die sich selbst École communautaire du grand Samaritain de Lévèque nennt, steht das Thema Kinderrechte ganz im Mittelpunkt, so wie es auch der Satz auf dem Shirt dieses Mädchens zum Ausdruck bringt, in dem der Respekt für die Kinderrechte - und zwar weltweit - eingefordert wird (Foto: Jürgen Schübelin)
Im Projekt der „Schützenden Schule“, die sich selbst École communautaire du grand Samaritain de Lévèque nennt, steht das Thema Kinderrechte ganz im Mittelpunkt, so wie es auch der Satz auf dem Shirt dieses Mädchens zum Ausdruck bringt, in dem der Respekt für die Kinderrechte – und zwar weltweit – eingefordert wird (Foto: Jürgen Schübelin)

Spenden für die „Schützende Schule“ lohnen sich also? Trotz all der Krisen, mit denen das Land zu kämpfen hat?

Es lohnt sich unbedingt, sich dort zu engagieren. Es ist großartig zu sehen, was dort alles passiert. Aus Nichts machen die Lehrerinnen und Lehrer unglaublich viel. Und das Projekt erreicht ja nicht nur die Schulkinder, sondern auch die Eltern, die Nachbarn, das gesamte Dorf, das in diesen zwölf Jahren aus dem Flüchtlingscamp entstanden ist. Wir verändern mit unserer Arbeit dort sicher nicht die politischen Gegebenheiten. Aber wir können Beispiele geben und zeigen, was möglich ist, wenn man die Menschen in Haiti lässt und ihnen ihr Selbstbewusstsein zurückgibt.

In der Schule von Levêque stehen neben Mathematik, Franzöisch und Geschichte auch Kinderrechte und ökologische Bewusstseinsbildung auf dem Stundenplan. Die Mädchen und Buben lernen nicht nur sich selbst vor Gewalt und Naturkatastrophen, sondern auch ihre Umwelt zu schützen. Dem kleinen Dorf [...]

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7. März 2022

Vera und ihre Söhne sind in Sicherheit

Vor allem Frauen und Kinder überqueren in diesen Tagen die Grenze nach Moldau auf der Suche nach Schutz. In dem moldauischen Dorf Ruseștii Noi, in einem Unterbringungszentrum von CONCORDIA Sozialprojekte, sind sie sicher. So wie Vera* und ihr Sohn Andrei*, die von Odessa über die Grenze bei Palanca geflohen sind.

Vera* hat mit ihren Söhnen auf der Flucht Schutz im CONCORDIA Unterbringungszentrum in Ruseștii Noi gefunden. (Quelle: CONCORDIA Sozialprojekte)
Vera* hat mit ihren Söhnen auf der Flucht Schutz im CONCORDIA Unterbringungszentrum in Ruseștii Noi gefunden. (Quelle: CONCORDIA Sozialprojekte)

Vera*, ihr Mann und ihre beiden Söhne wohnten im 7. Stock eines Gebäudes in der Nähe des Flughafens von Odessa, als sie die Raketen über den Himmel fliegen sahen.

Auch wenn die Explosion 50 km entfernt stattfand, konnte man den Einschlag und den Ruck unmittelbar spüren. Es war entsetzlich. Von da an lebt man in Angst, hört ständig Drohnen, Sirenen, Schüsse. Du ziehst die Kinder an und gehst in abgezählten Sekunden in den Keller, du schläfst im Hausflur, um deine Familie in Sicherheit zu bringen, und du spürst, dass deine Nerven das nicht mehr aushalten. Du schaust im Internet nach und siehst, dass es deinen Bekannten in Herson (eine Stadt im Süden der Ukraine) noch schlechter geht, du siehst, wie sie unter diesen Bedingungen überleben, und du verstehst, dass es dir im Vergleich zu ihnen gut geht… dabei ist es für dich schon die Hölle.

Vera*

Andrei*, ihr 3-jähriger Sohn, hielt das für ein Feuerwerk, während Yuri* (15 Jahre) schockiert war, weinte und sie bat, alles zu packen und in ein anderes Land zu fliehen. Nach einer Woche des Hoffens und Bangens, packte Vera einen Rucksack und ihre Kinder, um sie in Sicherheit in die Republik Moldau zu bringen. Ihr Mann blieb in der Ukraine, sowie viele andere.

Das Traurigste ist, dass der kleine Andrei noch nicht versteht, wo sein Vater ist. Bis gestern hat er ihn jeden Abend in den Schlaf gebracht, und jetzt ist er weg. An der Grenze angekommen, wurden Vera und die Kinder von den Mitarbeiter*innen von CONCORDIA Moldau in Empfang genommen und in einer Unterkunft untergebracht: in dem temporären Unterbringungszentrum in Ruseștii Noi, in dem Kinder und Jugendliche, die nicht bei ihren Eltern leben können, von CONCORDIA Sozialprojekte betreut werden, wurde eine Etage für die Unterbringung von geflüchteten Müttern und ihren Kindern zur Verfügung gestellt.

Dort können sie vorerst bleiben. Vera ist derzeit eine von fünf Müttern. Sie unterstützen sich gegenseitig und ihre Kinder spielen zusammen. Im Moment sind sie in Sicherheit.

*Namen von der Redaktion geändert

Vor allem Frauen und Kinder überqueren in diesen Tagen die Grenze nach Moldau auf der Suche nach Schutz. In dem moldauischen Dorf Ruseștii Noi, in einem Unterbringungszentrum von CONCORDIA Sozialprojekte, sind sie sicher. So wie Vera* und ihr Sohn Andrei*, die von Odessa über die Grenze bei Palan[...]

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4. März 2022

Chile: Was Rassismus mit Kindern macht

Rassismus und Fremdenfeindlichkeit – besonders gegenüber Geflüchteten – erreichen in Chile eine dramatische Dimension und hinterlassen entsetzliche Verletzungen, besonders bei Kindern. Im Interview erzählen die beiden Leiterinnen der Kindernothilfe-Partnerorganisation „Colectivo sin Fronteras“ wie sie sich dem entgegenstellen und für eine bessere Zukunft in ihrem Land kämpfen.

Vermutlich nirgendwo sonst auf der Welt hat es das Recht auf Asyl bis in die Nationalhymne geschafft: „Entweder wirst Du den Freien zum Grab – oder zum Zufluchtsort gegen die Verfolgung“ schrieb der Dichter Bernardo de Vera 1819 voller Pathos über Chile. Jedes Schulkind im Land kennt diesen Kehrvers. Aber das historische Versprechen aus der Zeit der Befreiungskriege gegen die spanische Kolonialherrschaft muss in den Ohren derjenigen, die als Geflüchtete im heutigen Chile Schutz vor Gewalt, Armut und politischer Unterdrückung suchen, wie Hohn klingen.

María-Elena Vásquez-Rodríguez (links) und Patrica-Angélica Loredo-Chupan (rechts) machen sich gegen den Rassismus in Chile stark (Foto: Victor Zavaleta-Carvajal)
María Elena Vásquez Rodríguez (links) und Patrica Angélica Loredo Chupan (rechts) machen sich gegen den Rassismus in Chile stark (Foto: Victor Zavaleta-Carvajal)

„Rassismus und Fremdenfeindlichkeit haben in diesem Land eine Dimension erreicht, die die Betroffenen verzweifeln lässt“, sagt die Anwältin und Kinderrechtsaktivistin María Elena Vásquez. Ihre Kollegin, die Psychologin Patricia Loredo, fügt hinzu: „Die extreme gesellschaftliche Polarisierung des zurückliegenden Jahres und ein Wahlkampf, der von einem Teil des politischen Spektrums explizit gegen Menschen, die als Geflüchtete und Migranten nach Chile kamen, geführt wurde, hat entsetzliche Verletzungen hinterlassen!“

Wie es dazu kommen konnte, was Rassismus und Xenophopie in Kindern auslösen, und welche Heilungsansätze es gibt, erklären die beiden Leiterinnen des Projektes Niñas y Niños sin Fronteras  aus dem Santiagoer Stadtteil Independenica. Seit über zwei Jahrzehnten engagiert sich der chilenische Kindernothilfe-Partner für die Rechte von Kindern aus Migrantenfamilien.     

Kindernothilfe: Seit dem 18. Oktober 2019 und den Massenprotesten für mehr soziale Gerechtigkeit wuchs die internationale Hoffnung auf einen Umbruch in Chile. Nicht zuletzt, weil eine überwältigende Mehrheit im Land zunächst ein Referendum zugunsten einer neuen Verfassung und anschließende die Wahl einer verfassungsgebenden Versammlung erzwang. Wie passen demokratische Aufbruch, beeindruckende Kreativität und Kraft der sozialen Bewegungen mit Rassismus und Fremdenhass zusammen?

María Elena Vásquez: Es gab in diesem Land immer Beides gleichzeitig: Gemeinschaftssinn, Offenheit, Solidarität – aber auf der anderen Seite die Instrumentalisierung der Angst gegenüber Fremden, die populistische Suche nach Sündenböcken, Ausgrenzung als Mittel zum Stimmenfang. Während der beiden Regierungsperioden unter Präsident Sebastian Piñera zwischen 2010 bis 2014 und jetzt seit 2018 haben wir zunächst erlebt, wie der Präsident in Cúcuta, an der Grenzbrücke zwischen Kolumbien und Venezuela, vor laufenden Fernsehkameras Dissident*innen des Maduro-Regimes und ihre Familien einlud, nach Chile zu kommen, Sondervisa versprach, aber dann, als es mit der – nach Syrien und Afghanistan – zweitgrößten Flüchtlingskrise der Welt ernst wurde, und inzwischen 6,5 Millionen Menschen aus Venezuela vor allem in den lateinamerikanischen Nachbarländern Schutz suchen, alles tat, um zu verhindern, dass die Geflüchteten in Chile tatsächlich Bleiberecht und Asyl erhielten. Am brutalsten verhält sich diese Regierung jedoch gegenüber den Familien aus Haiti, die es nach 2010 und der – mit einer Viertelmillion Toten schwersten Erdbebenkatastrophe in der Geschichte Lateinamerikas – auf der Flucht vor extremer Armut und einem zusammengebrochenen Staat, der kampflos riesige Armenviertelbezirke der großen Städte Haitis schwerbewaffneten kriminellen Banden überlässt, bis hierher geschafft haben.

In den Cités (Hinterhof-Slums) im Santiagoer Stadtteil Independencia müssen peruanischer Migrantenfamilien unter extremen Bedingungen hausen (Foto: Jürgen Schübelin)
In den Cités (Hinterhof-Slums) im Santiagoer Stadtteil Independencia müssen peruanischer Migrantenfamilien unter extremen Bedingungen hausen (Foto: Jürgen Schübelin)

Kindernothilfe: Wie erklärt sich diese Härte gerade gegenüber Geflüchteten aus Haiti? Chile ist doch ein Land, aus dem während der Jahre des Pinochet-Regimes Hunderttausende in alle Welt fliehen und um Exil bitten mussten?   

Patricia Loredo: Aber das waren damals diejenigen, in denen Piñera und der politische Sektor, für den er steht, bis heute ihre Gegner sehen. Die menschenverachtende Brutalität gegenüber Geflüchteten aus Haiti hat vor allem damit zu tun, dass diese Menschen eine schwarze Hautfarbe haben, Kreole und eben nicht Spanisch sprechen und gegenüber dem unverbrämten Rassismus am hilf- und wehrlosesten sind. Bei keiner anderen Migrantengruppe hätte sich die Regierung getraut, Shows für die Fernsehsender zu inszenieren, in denen Menschen für Kollektiv-Abschiebungen in weiße Plastikoveralls gezwungen, dann wie Schwerverbrecher zu den auf dem Rollfeld wartenden Maschinen getrieben und dabei ihre Gesichter aus nächster Nähe gefilmt wurden.

María Elena Vásquez: Begründet werden diese Abschiebungen damit, dass die Geflüchteten ohne Registrierung über die chilenische Grenze gekommen seien und auch keine gültigen Papiere vorweisen könnten. Aber wir kennen Fälle, in denen Personen, die glaubhaft Verfolgungs- und Bedrohungssituationen in Haiti beschreiben, etwa, weil sie sich dem Terror von kriminellen Banden oder der Willkür der Polizei von Port-au-Prince widersetzt hatten, hier in Chile daran gehindert wurden, einen regulären Asylantrag zu stellen. Die chilenische Kriminalpolizei – PDI – musste neulich zugeben, dass sie den Befehl erhalten hat, auch Personen, die nach den Regeln des Völkerrechts an den Grenzen um Schutz bitten, abzuweisen. Die Zahl der in Chile anerkannten Asylanträge ist auf einen historischen Tiefstand gefallen. 2020 waren es ganze zehn Anerkennungen, 2021 gerade noch sieben. Das sind offizielle Zahlen des Innenministeriums. Und die Regierung verkündet voller Stolz, dass es ihr gelungen sei, Chile als Zielland für Geflüchtete „unattraktiv“ zu machen. Aber das ist noch nicht Alles: Für die letzten Wochen ihrer am 11. März endenden Amtszeit hat die Regierung Piñera angekündigt, jetzt auch noch alle Asyl- und Aufenthaltsbescheide der Vorgängerregierung unter Michelle Bachelet überprüfen und – soweit wie möglich – annullieren zu lassen.

In einem Hinterhof-Slum in Santiago de Chile: Peruanische Migrantenfamilie leben unter prekären Bedingungen (Foto: Jürgen Schübelin)
In einem Hinterhof-Slum in Santiago de Chile: Peruanische Migrantenfamilie leben unter prekären Bedingungen (Foto: Jürgen Schübelin)

Kindernothilfe: Gibt es dagegen nicht auch öffentliche Gegenwehr und Proteste aus der chilenischen Zivilgesellschaft? Wie gehen andere Nicht-Regierungsorganisationen – oder kirchliche Initiativen, die mit Geflüchteten arbeiten – mit dieser Situation um?

Patricia Loredo: Doch, zum Glück gibt es auch Solidarität mit den Betroffenen und lautstarken Widerstand gegen diese Politik! Ende September haben sich mehrere kirchliche Initiativen, ökumenische Organisationen und Menschenrechtsgruppen in einer vielbeachteten gemeinsamen Erklärung gegen die verbale und physische Gewalt gewandt, denen Geflüchtete vor allem in der nordchilenischen Stadt Iquique ausgesetzt waren, wo sich unter den Augen der Polizei pogromartigen Szenen abspielten und ein aufgebrachter Mob Zelte und Habseligkeiten venezolanischer Flüchtlinge in Brand setzte. Die Regierung reagierte auf diese Ereignisse, in dem sie noch härtere Grenzkontrollen und noch mehr Abschiebungen ankündigte. Die Unterzeichnerorganisationen dieses Appells verlangen hingegen vom Staat, endlich auf der Grundlage internationaler Rechtsnormen mit professionellen Humanitäre-Hilfe-Programmen auf diese kontinentale Krise zu reagieren – und nicht länger Schutzsuchende zu kriminalisieren.

Um Kinder aus Migrantenfamilien vor Rassismus zu schützen, braucht es vor allem Selbstbewußtseinsstärkung (Foto: Jürgen Schübelin)
Um Kinder aus Migrantenfamilien vor Rassismus zu schützen, braucht es vor allem Selbstbewußtseinsstärkung (Foto: Jürgen Schübelin)

Kindernothilfe: Die von Ihnen 2002 gegründete Nichtregierungsorganisation Corporación Colectivo Sin Fronteras hat mit ihren Programmen und Aktivitäten in diesen Jahren deutlich mehr als 10.000 Kinder aus Familien, die aus anderen lateinamerikanischen Ländern hierher nach Chile kamen, weil sie Schutz und eine Perspektive gesucht haben, unterstützt. Wie reagieren die Kinder auf die beschriebenen Entwicklungen?

María Elena Vásquez: Kinder haben ein feines Gespür dafür, wenn sich das Klima um sie herum verändert. Sie nehmen wahr, wenn die Stimmung in der Schule kippt, spüren, wenn der Umgang mit ihnen in den öffentlichen Gesundheitszentren – oder, falls sie gezwungen sind, zu arbeiten – auf der Straße ein anderer ist. Der Hass, den Politiker in ihren Reden säen, kommt bei ihnen an. Als der am Ende zum Glück unterlegene Kandidat José Antonio Kast, der es mit seinem rechts-populistischen Diskurs in den Stichwahlen um das Präsidentenamt am 19. Dezember auf über 44 Prozent gebracht hatte, versprach, die Grenzen im Norden Chiles mit einem unüberwindbaren Grabensystem vor Flüchtlingen zu sichern und Hunderttausende Migranten aus dem Land zu deportieren, übertrug sich die Angst der Eltern natürlich auf die Kinder. Das haben wir in unserer täglichen Arbeit mit den Kindern deutlich wahrgenommen.

Im Projekt "Colectivo sin Fronteras" werden die Kinder bei den Hausaufgaben unterstützt (Foto: Jürgen Schübelin)
Im Projekt „Colectivo sin Fronteras“ werden die Kinder bei den Hausaufgaben unterstützt (Foto: Jürgen Schübelin)

Patricia Loredo: Die Normalisierung eines Diskurses der Diskriminierung, seine toxische Alltäglichkeit, schlägt direkt auf das Selbstbewusstsein von Kindern, die in dieser Gesellschaft ohnedies jeden Tag um ihren Platz kämpfen müssen, durch. Das ist wie mit bei einer Virusinfektion, wenn die Abwehrkräfte geschwächt sind, werden die Menschen krank. Rassismus verletzt Kinder möglicherweise sogar stärker als Erwachsene, weil sie keine Erklärung dafür finden können, was da gerade geschieht. Trotzdem entstehen Schuldgefühle, wächst der Stress in den Familien. Und dann kommt eine Mechanik in Gang, die extrem gefährlich ist: Viele Eltern, die Problemen mit ihren Papieren haben, schreiben ihre Kinder beispielsweise nicht mehr in den Gesundheitszentren ein, damit sie dort im Fall einer Erkrankung behandelt werden können. Wir haben Fälle erlebt, in denen sich Mitarbeitende in diesen Gesundheitszentren angesichts des hysterischen Klimas wie Hilfspolizisten aufführen und Familien ohne gültige Aufenthaltspapiere bei den Behörden anzeigen. Dabei sagen die Gesetze in Chile, dass keinem Kind eine ärztliche Behandlung in einem Consultorio oder das Recht auf Schulbesuch verweigert werden darf, egal, welchen Aufenthaltsstatus seine Eltern haben. 

Unser Chilenische Partner macht sich mit dem Projekt "Colectivo sin Fronteras" für Kinder und ihre Rechte stark (Foto: Jürgen Schübelin)
Unser Chilenische Partner macht sich mit dem Projekt „Colectivo sin Fronteras“ für Kinder und ihre Rechte stark (Foto: Jürgen Schübelin)

Kindernothilfe: Wie kann diese Spirale gestoppt, wie die Resilienz-Kräfte der Kinder erneut gestärkt werden?

Patricia Loredo: Zunächst müssen wir selbst verstehen, dass die Verletzungen, die dieser Wahlkampf und der xenophobe Diskurs der Piñera-Regierung verursacht haben, nicht über Nacht verschwinden, weil ein menschenrechtsorientierter Kandidat wie Gabriel Boric am Ende die Präsidentschaftswahlen gewonnen hat und ab dem 11. März das Land regiert. Die Herausforderung besteht darin, den Kindern und ihren Familien Sicherheit zurück zu geben, ihnen faire Chancen auf eine Klärung ihres rechtlichen Status in Chile zu eröffnen. Wir haben ein Netzwerk aufgebaut, um alle Kinder aus dem Projekt weiter zu unterstützen. Keine Familie ist allein. Das gilt auch für schwierige juristische Fragen. Dann ist es ganz wichtig, dass die Kinder selbst über ihre Rechte sprechen, mit Gleichaltrigen und mit Erwachsenen. Dabei unterstützen wir sie, beispielsweise, indem wir öffentliche Veranstaltungen und Foren organisieren, auf denen Mädchen und Jungen über sich und ihren Blick auf die chilenische Gesellschaft diskutieren, selbstbewusst – und in dem Wissen, das internationale Recht auf ihrer Seite zu haben.

Tischfussball steht bei den Kindern hoch im Kurs (Foto: Jürgen Schübelin)
Tischfussball steht bei den Kindern hoch im Kurs (Foto: Jürgen Schübelin)

Mária Elena Vásquez: Aber zur Wahrheit gehört auch, dass wir Vieles von dem, was in den zurückliegenden Monaten geschehen ist, nicht mehr ändern können: Die haitischen Familien mit den Kindern in unserem Programm, die sich in ihrer Verzweiflung auf dem Landweg aufgemacht haben, um von Santiago aus an die Grenze zu den USA zu gelangen, können wir nicht mehr schützen. Das waren entsetzliche Abschiede für immer. Allein sechs Familien, deren Kinder hier bei uns engagiert waren, sind in den vergangenen Wochen aufgebrochen, ohne Dokumente, zum Teil mit Babys dabei. Die Menschen wussten, dass sie auf dieser Route über so viele Grenzen hinweg ihr Leben und das ihrer Kinder aufs Spiel setzen. Sie dazu gebracht zu haben, eine so entsetzliche Entscheidung zu fällen, ist ein Ergebnis des Hasses, der hier gesät wurde. Am Ende ist es ganz banal: Rassismus tötet!

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María Elena Vásquez Rodríguez (50) ist Anwältin und gelernte Erzieherin. Sie stammt aus der nordperuanischen Stadt Chimbote und kam 1996 zusammen mit ihrer Mutter als vom Fujimori-Regime politisch Verfolgte nach Chile. Hier wurden ihre Universitätsabschlüsse zunächst nicht anerkannt und sie war gezwungen – wie viele peruanische Frauen – als Hausangestellte für eine chilenische Familie zu arbeiten.

Links Maria Elena Vásquez Rodríguez (rechts) und Patricia Angélica Loredo Chupán (links) kämpfen gegen Fremdenfeindlichkeit im Land und machen sich für die Rechte der Geflüchteten star (Foto: Victor Zavaleta-Carvajal)

Patricia Angélica Loredo Chupán (52) ist Psychologin und hat zum Thema Menschenrechte promoviert. Sie wuchs in Huancayo in den peruanischen Hochanden auf und wurde von Fujimoris Geheimpolizei wegen ihres Menschenrechtsengagements bedroht. Sie lebt seit 1994 in Santiago de Chile und erhielt hier politisches Asyl. Patricia Loredo und María Elena Vásquez wurden für ihr Engagement für die Rechte von Kindern aus Migrantinnen- und Migrantenfamilien mehrfach ausgezeichnet. Unterstützt wird die Arbeit des Projektes Niñas y Niños sin Fronteras unter anderem von den beiden Kindernothilfe-Organisationen in Österreich und Deutschland.   

Rassismus und Fremdenfeindlichkeit – besonders gegenüber Geflüchteten – erreichen in Chile eine dramatische Dimension und hinterlassen entsetzliche Verletzungen, besonders bei Kindern. Im Interview erzählen die beiden Leiterinnen der Kindernothilfe-Partnerorganisation „Colectivo sin Fronter[...]

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28. Februar 2022

Farmschulen: Mit Landwirtschaft raus aus der Armut

Die meisten Menschen in Uganda leben von der Landwirtschaft. Doch traditionelle Anbaumethoden reichen nicht mehr aus, um Familien zu ernähren. Der einseitige Anbau von Kochbananen, Mais, Bohnen und Maniok hat die Böden ausgelaugt, viele Familien sind mangelernährt. Das Kitovu Mobile Projekt zeigt jungen Leuten in mobilen Farmschulen, wie nachhaltige Landwirtschaft funktioniert. Nach drei Jahren ziehen die Schulen ins nächste Dorf.

Masaka – Hauptstadt des gleichnamigen Distrikts im Süden Ugandas. Die Stadt mit mehr als 100.000 Einwohnern liegt an der Fernstraße zwischen Kampala und Mbarara und Ruanda. Das Stadtbild ist geprägt von Werkstätten für Lastwagen und Autos. Reifenverkäufer säumen die Straßen. Der Staub der Straßen mischt sich mit dem Öl und Benzin, das die LKWs verlieren. Der eigentlich sandfarbene bis rote Boden ist fast schwarz gefärbt. Der Geruch von Diesel liegt in der Luft. Viele Menschen in Masaka leben vom Fernverkehr – betreiben einen Imbiss, reparieren LKWs, vermieten eine Unterkunft. Doch der Fernverkehr hat nicht nur Einkommensmöglichkeiten gebracht. Masaka hat auch heute noch eine der höchsten HIV- und Aidsraten des Landes.

In einigen Gegenden der Stadt liegt die Infektionsrate bei beinahe 30 Prozent. Das Virus hat bereits vielen Menschen das Leben gekostet. Es gibt kaum eine Familie, die nicht betroffen ist. Viele Kinder wachsen als Halb- oder Vollwaisen auf. Kein leichtes Leben. Die Eltern hinterlassen den Kindern zwar oft ein Stück Land, auf dem die Mädchen und Jungen für den eigenen Bedarf etwas anbauen könnten. Doch wissen die Kinder und Jugendlichen nicht um Anbaumethoden. Somit wirft der fruchtbare Boden kaum Erträge ab, unzählige Kinder sind mangel- oder unterernährt.

Farmschüler James bei der Arbeit im Garten (Foto: Katharina Drzsiga)
Farmschüler James bei der Arbeit im Garten (Foto: Katharina Drzsiga)

Eine Antwort auf die Krise

Seit zwanzig Jahren sind die Farmschulen eine Antwort auf die prekären Lebensumstände vieler Kinder und Jugendlicher, die durch die Aids-Pandemie und zerrüttete Familien verursacht wurden. Das Konzept ist einfach und doch sehr raffiniert: Drei Jahre lang bleibt eine Farmschule an einem Ort in der Projektregion und lehrt die Jugendlichen nachhaltige und biologische Landwirtschaft. Von Anfang an wird die Community in die Planung mit einbezogen. Die lokalen Führungsgremien stellen z. B. ein Gebäude zur Verfügung, in dem der Blockunterricht stattfinden kann und die Schülerinnen und Schüler für die Zeit des Unterrichts wohnen können. Die Community steuert Nahrungsmittel bei und wird einbezogen in die Auswahl der Mädchen und Jungen, die die Farmschule besuchen dürfen. Voraussetzung ist, dass sie zwischen 13 und 19 Jahre alt sind, mindestens zwei Jahre keine Schule besucht haben und zu den ärmsten Familien gehören. „Es ist wichtig, dass die Community in den gesamten Prozess involviert ist“, erklärt Justus Rugambwa, CEO von Kitovu Mobile, dem langjährigen Kindernothilfe-Partner in Masaka. „So verstehen alle unseren Ansatz, und es entsteht kein Neid. Und die Menschen sehen es als ‚ihr‘ Projekt.“

Der Klassenraum für die Schüler im ersten Jahr ist groß und schlicht. Ein Versammlungssaal des Dorfes. Nun Ort des Lernens. 100 Mädchen und Jungen sitzen in ihren blau-grünen Schuluniformen auf dunkelbraunen Holzbänken und verfolgen aufmerksam, was der Lehrer erklärt. Es geht um die Herstellung von biologischem Dünger. Eine alte Wassertonne, ein Leinensack, ein Seil, Kuhdung, Wasser – das können die Jungbauern auftreiben und problemlos umsetzen. Das ist wichtig, sagt der Lehrer. Die Jugendlichen sollen sich nicht verschulden, um teure Gerätschaften, chemischen Dünger und Pestizide anzuschaffen. An den Wänden hängen selbst gemalte Plakate, auf denen erklärt wird, wie Tomaten, Kohl und Zwiebeln angebaut werden. Wie Hochbeete angelegt werden. Wie Setzlinge gezüchtet werden. Die Jugendlichen lernen hier alles, um in ihren eigenen Gärten Obst und Gemüse anzubauen.

Erfolgreich gelernt

So auch John und James. Die beiden Burschen sind 16 und 17 Jahre alt. Beide sind Halbwaisen. Sie leben jeweils weit abgelegen von der nächsten größeren Straße, ihre Häuser erreicht man nur über staubige Buckelpisten, die sich abenteuerlich in die hügelige Landschaft schrauben. Hinter den etwas in die Jahre gekommenen ärmlichen Häusern der Familien tut sich ein wahres Wunder auf: Überall grünt und blüht es! Kohl, Zwiebeln, Tomaten wachsen, die Bananenbäume tragen Früchte. Die jungen Männer haben selbst Ställe für Ziegen und Hühner gebaut und sogar tiefe Gruben ausgegraben, in denen sie kompostieren. Und noch etwas findet sich in den großen Gärten: eine alte Wassertonne, ein Leinensack, ein Seil, Kuhdung, Wasser. Die Beiden haben alles umgesetzt, was sie in der Schule gelernt haben. Für ihre Familien bedeutet das, dass sie sich nun ausgewogen ernähren und das, was sie übrig haben, auf dem Markt verkaufen können.

Nelson (Foto oben), früher Farmschüler, ist heute Großbauer und Vorbild für James (unten), der in seinem Garten erfolgreich Obst und Gemüse anbaut. (Foto: Katharina Drzisga)
Nelson, früher Farmschüler, ist heute Großbauer und Vorbild für James, der in seinem Garten erfolgreich Obst und Gemüse anbaut. (Foto: Katharina Drzisga)

Große Pläne

John ist stolz auf das, was er bereits erreicht hat und dass er seine Familie unterstützen kann. Doch er hat größere Pläne. „Ich möchte gerne in Zukunft noch mehr anbauen und vielleicht Land dazukaufen, damit ich mit der Landwirtschaft richtig Geld verdienen kann“, erzählt er. Sein Vorbild ist Nelson. Nelson war in der ersten Farmschulklasse im Jahre 1998. Mittlerweile hat er sich einen großen Betrieb aufgebaut. Er baut von Ananas über Kaffee bis zu Lauch alles Mögliche an, erntet bis zu 100.000 Ananas im Jahr. Nelson verkauft seine Waren in der Region, aber auch in der Hauptstadt Kampala. Er ist verheiratet und hat acht Kinder. Fünf von ihnen waren Waisenkinder, die er bei sich aufgenommen hat. Allen seinen Kindern kann er den Schulbesuch finanzieren.

Ich hatte Glück, dass es Menschen gab, die mir eine Chance gegeben haben. Für mich war immer klar: Diese Chance will ich nutzen.

Nelson

Zu ihm können die Farmschüler kommen und von ihm lernen. Er gibt sein Wissen gerne weiter. Daher hat Nelson auch für die Zukunft noch einiges vor. „Ich möchte ein eigenes Institut für Landwirtschaft eröffnen. Dort sollen Jugendliche, die keine Perspektive haben, lernen können.“ Dafür arbeitet er hart. Neben seiner Arbeit auf seinem Hof macht der 38-Jährige seinen Highschool-Abschluss nach. Dann will er Wirtschaft studieren. „Damit ich weiß, wie ich so ein Institut erfolgreich leiten kann“, lacht er.

„Natürlich werden nicht alle ehemaligen Farmschüler erfolgreiche Großbauern“, erklärt Justus Rugambwa. „Das müssen sie auch gar nicht. Aber das Land, das sie haben, bestellen zu können, macht für die Jugendlichen und ihre Familien einen großen Unterschied. Die Mangelernährung wird beseitigt, ein Teil der Ernte kann verkauft werden, und sie verdienen Geld. Die Schule für die kleinen Geschwister kann bezahlt werden – und so geht es weiter. Nach und nach können sich die Familien aus der Armut befreien. Eigenständig. Und das ist das Ziel.“

Farmschüler John begutachtet seine Pflanzen (Foto: Katharina Drzsiga)
Farmschüler John begutachtet seine Pflanzen (Foto: Katharina Drzsiga)

Die meisten Menschen in Uganda leben von der Landwirtschaft. Doch traditionelle Anbaumethoden reichen nicht mehr aus, um Familien zu ernähren. Der einseitige Anbau von Kochbananen, Mais, Bohnen und Maniok hat die Böden ausgelaugt, viele Familien sind mangelernährt. Das Kitovu Mobile Projekt zeigt[...]

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