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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

22. Mai 2020

Zyklon Amphan – Zerstörung unerwarteten Ausmaßes

Inmitten der durch die aktuelle COVID-19-Pandemie erforderlichen sozialen Distanzierungsmaßnahmen sind die Küstenregionen in Indien und Bangladesch durch den rekordverdächtigen Zyklon Amphan seit Mittwoch einer weiteren Bedrohung ausgesetzt. Mit anhaltenden Windgeschwindigkeiten von 270 km/h ging der Wirbelsturm im Nordindischen Ozean am Nachmittag des 20. Mai im indischen Digha, 187 km südlich von Kalkutta, an Land und ist jetzt bereits stärker als der Superzyklon Fani von 1999.

Zyklon Amphan verwüstete Küstenregionen in Indien und Bangladesch (Foto: Kindernothilfepartner)
Zyklon Amphan verwüstete Küstenregionen in Indien und Bangladesch (Foto: Kindernothilfepartner)

Katastrophale Folgen

Während der vierstündigen Landung im indischen Bundesstaat Westbangalen entstand eine lange Spur der Verwüstung. Bäume wurden entwurzelt, Lehmhäuser und Stromkabeln zerstört. Auch im angrenzenden Odisha führten Sturm und starke Regenfälle zu verheerenden Schäden. Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem Indien immer noch darum kämpft, die Coronavirus-Pandemie einzudämmen. Der Bundesstaat Westbengalen, der sich auf dem direkten Weg des „extrem stark“ eingestuften Zyklons befand, verzeichnet derzeit 2.961 Corona-Infizierte und 250 Todesfälle. Darüber hinaus hat der Staat mit Hunderttausenden von Gastarbeitern zu kämpfen, die nach Hause zurückgekehrt sind, um den Schwierigkeiten des 55-tägigen Lockdowns zu entkommen. „Wir kämpfen gegen drei Herausforderungen: das Coronavirus, der Ankunft von Lakhs (Hunderttausenden) von Migranten und dem Zyklon Amphan“, sagte Westbengalens Chief Ministerin Mamata Banerjee bei einer Online-Pressekonferenz am 20. Mai. Laut Banerjee waren die Auswirkungen auf den Staat insgesamt katastrophal. „Die Auswirkungen sind katastrophal. Es wird 10-12 Tage dauern, um das tatsächliche Ausmaß zu beurteilen, aber es werden Schäden in Millionenhöhe sein. Häuser, Straßen, Flussufer – alles wurde getroffen“.

Wir sind schockiert. Wir haben keine Verwüstung in einem solchen Ausmaß erwartet

Mamata Banerjee , Westbengalens Chief Ministerin

Nach Angaben des Meterologischen Dienstes in Kalkutta betrug die höchste Geschwindigkeit von Amphan in Westbengalens Hauptstadt 133 km/h.

Zyklon Amphan trifft die ohnehin schwer Covid-19 gebeutelten Küstenregionen in Indien und Bangladesch mit unerwartetem Ausmaß Foto: Kindernothilfepartner)
Zyklon Amphan trifft die ohnehin schwer Covid-19 gebeutelten Küstenregionen in Indien und Bangladesch mit unerwartetem Ausmaß (Foto: Kindernothilfepartner)

Massive Evakuierungen in Bangladesch

Inmitten seines intensiven Kampfes gegen die Coronavirus-Pandemie startete Bangladesch eine massive Evakuierungsoperation, um seine Bürger und sein Vieh im Küstengebiet zu schützen. Bis Mittwochabend wurde fast 2,4 Millionen Menschen und über eine halbe Million Tiere in den Küstenbezirken Khulna, Satkheera, Jessore, Rajbadi und Sirajganj in Sicherheit gebracht. Lokale Schulen wurden als Notunterkünfte eingerichtet. Angesichts der steigenden Zahl von COVID-19-Fällen hat der Zyklon den harten Kampf des Landes, in dem es bereits 27.000 bestätigten Fälle und über 350 Toten gibt, weiter erschwert. „Zyklon Amphan wird die Situation unserer Bevölkerung, die ohnehin schwer unter der COVID-19-Pandemie, der Isolation und sozialen Distanzierung zu leiden hat, weiter verschärfen. Denn obwohl Bangladesch über ein effizientes System von Zyklonschutzräumen verfügt, haben die meisten betroffenen Küstengemeinden Angst, in diese Schutzräume zu ziehen, da es dort fast unmöglich sein wird, soziale Distanzierungsnormen zu praktizieren“, so Sohanur Rahman von YouthNet für Klimagerechtigkeit in Bangladesch.

Die Folgen des Klimawandels im Indischen Ozean

Der Klimawandel erhöht den Schaden, den Zyklone wie Amphan auf verschiedene Weise verursachen, einschließlich steigender Meeresoberflächentemperaturen und steigender Meeresspiegel, zunehmender Regenfälle während des Sturms und schnellerer Zunahme von Stürmen. Aufgrund des Klimawandels sind weltweit stärkere Wirbelstürme häufiger geworden, und die Stärke von Wirbelstürmen, die Länder am Nordindischen Ozean betreffen, hat mit der Erwärmung des Planeten zugenommen. Auch der Meeresspiegel im Nordindischen Ozean ist in den letzten Jahren schneller gestiegen als an anderen Orten. Laut einer Studie könnten Indien und Bangladesch bis 2050 dramatische jährliche Überschwemmungen an der Küste erleben, von denen 36 Millionen Menschen in Indien und 42 Millionen in Bangladesch betroffen sind.

Inmitten der durch die aktuelle COVID-19-Pandemie erforderlichen sozialen Distanzierungsmaßnahmen sind die Küstenregionen in Indien und Bangladesch durch den rekordverdächtigen Zyklon Amphan seit Mittwoch einer weiteren Bedrohung ausgesetzt. Mit anhaltenden Windgeschwindigkeiten von 270 km/h ging[...]

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18. Mai 2020

Merima lernt lesen und schreiben

Merimas besucht die erste Klasse in Santa Barbara und ihre Augen strahlen, denn sie kann endlich lesen, schreiben und rechnen! Das war nicht immer so! Denn für viele Mädchen und Buben in Guatemala ist eine gute Schulbildung leider alles andere als selbstverständlich. Wie überall auf der Welt, wo der Alltag von bitterer Armut geprägt ist, hat die Bildung der Kinder für viele Eltern, die oft selbst nie eine Schule besucht haben, keinen großen Stellenwert. Statt zu lernen müssen schon die Kleinen ihren Beitrag im täglichen Kampf ums Überleben leisten.

Merima darf endlich lesen und schreiben lernen! (Foto: James Rodriguez)
„Wenn ich groß bin, will ich frei sein!“ (Foto: James Rodriguez)

Guatemala gehört mit mehr als der Häfte seiner Einwohner unter der Armutsgrenze zu den ärmsten Ländern Lateinamerikas. Gerade im Hochland, wo ein Großteil der indigenen Bevölkerung lebt, ist die Armut erschreckend allgegenwärtig: In den ländlichen Regionen gibt es kaum Zugang zur Gesundheitsversorgung und die hygienischen Bedingen sind teilweise äußerst prekär. Fast die Hälfte der Kinder leidet unter Mangelernährung und auch familiäre Gewalt und Missbrauch sind keine Seltenheit.

So auch in Merimas Heimatdorf Santa Barbara, wo viele Kinder am Feld mitarbeiten müssen, um den Lebensunterhalt ihrer Familien zu verbessern. Für die Schule bleibt da wenig Zeit. Und wenn doch, dann fehlt es den Schülern an einfachen Grundlagen: „Es dauert drei bis vier Monate, bis die Kinder eine Weile stillsitzen oder sich auf eine Sache konzentrieren können“, weiß Debora Velasquez, Schulleiterin an Merimas Schule. Da für die meisten Kinder die Schulzeit nach wenigen Jahren schon wieder endet, kommt Bildung zu kurz. Aber Mädchen und Buben, die nie ordentlich Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt haben, können der Armutsspirale kaum entkommen. Sie enden oft – wenn sie überhaupt Arbeit finden – als schlecht bezahlte Tagelöhner oder wie Merimas Vater als illegale Arbeiter im Ausland, was ihnen auch als Erwachsenen wieder nur ein mehr schlechtes als rechtes Überleben erlaubt.

Jedes Kind hat das Recht auf Bildung und Zukunft

Kinder wollen das Leben entdecken, Lesen lernen, von Berufen träumen, eine Perspektive haben, in Frieden und Freiheit aufwachsen – und sie haben jedes Recht dazu! Kinder haben Rechte, die von der Generalversammlung der Vereinten Nationen in der UN-Kinderrechtskonvention bereits vor mehr als 30 Jahren festgeschrieben wurden. Dazu zählen unter anderm das Recht auf Bildung, auf Teilhabe, auf Schutz vor wirtschaftlicher Ausbeutung sowie auf Schutz vor Gewalt.

Doch weltweit werden immer noch viel zu vielen Kindern und Jugendlichen ihre Kinderrechte verwehrt: Kindern, die nicht zur Schule gehen können. Kindern, die unter ausbeuterischen und gefährlichen Bedingungen arbeiten müssen. Kindern, die auf der Straße leben. Kindern, die keine Zukunftsperspektive haben. Ausbeuterische Kinderarbeit, Kinderhandel, Gewalt und Missbrauch bestimmen stattdessen das Leben vieler Mädchen und Buben. Schlimmste Kinderrechtsverletzungen, die nach wie vor in vielen Ländern tagtäglich passieren und gravierende Folgen für das weitere Leben dieser Kinder haben.

Ein Schulbesuch, der Kinderaugen leuchten lässt

Mit der lokalen Partnerorganisation Sadegua setzen wir uns in der Region rund um Santa Barbara für die Verwirklichung der Kinderrechte ein – Schutz vor Gewalt und Missbrauch, medizinische Versorgung und genug zu Essen, Schulbildung – ein. Merima wird in ihrem Recht, zur Schule zu gehen, durch umfassend geschulte Lehrer (inkl. zu Kinderrechten und Fördermöglichkeiten von Kindern mit Behinderungen) und mit qualitativ hochwertigem Unterrichtsmaterial in kinderfreundlicher Lernumgebung unterstützt. Außerdem haben ihre Eltern in Workshops erfahren, wie wichtig Schulbildung für die Zukunft ihrer Tochter ist, was Kinderrechte bedeuten, wie sie Merimas Gesundheit fördern sowie Anzeichen von Gewalt und Missbrauch erkennen können. Das kleine Mädchen selbst kann im Schulparlament das Schulleben aktiv mitgestalten.

Jedes Kind hat das Recht auf Bildung. (Foto: James Rodriguez)
Laut Velasquez verlieren die Kinder wichtige Zeit, „wenn sie nicht schon früh ihre motorischen und geistigen Fähigkeiten entwickeln können.“ (Foto: James Rodriguez)

Merima wurde im Kindernothilfe-Projekt durch das Sadegua-Team in den letzten zwei Jahren gut auf die Schule vorbereitet. „Kaum ein Kind kann einen Stift halten, wenn es zu uns in die Schule kommt“, sagt Schulleiterin Debora Velasquez. Mit Malen, Kneten und Basteln werden sie nun kindgerecht gefördert. Inzwischen kann sie sich auf den Unterricht konzentrieren und übt fleißig für die Schule. Sie freut sich wie eine Schneekönigin endlich lernen zu dürfen und so später einmal die Möglichkeit zu haben, ihre großen Pläne für die Zukunft verwirklichen zu können. Aber das ist für viele andere Kinder aus ärmsten Verhältnissen nicht selbstverständlich.

Merimas besucht die erste Klasse in Santa Barbara und ihre Augen strahlen, denn sie kann endlich lesen, schreiben und rechnen! Das war nicht immer so! Denn für viele Mädchen und Buben in Guatemala ist eine gute Schulbildung leider alles andere als selbstverständlich. Wie überall auf der Welt, wo[...]

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Eine Zukunft für Kinder?

Eine Zukunft für die Kinder der Welt? Aktuell wäre keine Nation der Welt in der Lage, Kindern Sicherheit, Gesundheit und angemessenes Umfeld zu gewährleisten, lautet das Fazit von WHO, UNICEF und The Lancet. Klimawandel, ökologische Zerstörung, Bevölkerungsmigration, Konflikte, allgegenwärtige Ungleichheiten und aggressive Marketingpraktiken für Fast Food, stark zuckerhaltige Getränke, Alkohol und Tabak würden die Gesundheit und Zukunft von Kindern weltweit gefährden, heißt es in dem im Februar veröffentlichten Bericht.

Ökologische Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit sind Grundvoraussetzungen, um Kindern ein sicheres Aufwachsen mit Zukunftsperspektive zu ermöglichen.

A future for the world’s children? (WHO, UNICEF, The Lancet)

Es wurden vier Schlüsselbereiche geprüft und für jeden entsprechende Empfehlungen abgegeben: Frühzeitige Investitionen in die Gesundheit und Bildung von Kindern; Reduktion von Treibhausgasen als Mittel zum Schutz der Zukunft von Kindern; das Problem des „kommerziellen Schadens“ für Kinder; und die Schlüsselrolle, die Regierungen bei der Gewährleistung von Fürsorge und Schutz aller Kinder spielen sollten. Eine der wichtigsten Beobachtungen wurde im Zusammenhang mit dem Klimawandel gemacht, für den bestimmte Teile unserer Gesellschaft verantwortlich zeichnen. „Während die ärmsten Länder der Welt prinzipell noch einen langen Weg vor sich haben, um ein gesundes Aufwachsen von Kindern entsprechend fördern zu können, bedrohen die Industrienationen die Zukunft aller Kinder durch klimaschädliche Schadstoffbelastung.“ Laut Anthony Costello, Professor für globale Gesundheit und nachhaltige Entwicklung am University College London, gibt es eine Vielzahl von Gegensteuerungsmaßnahmen, die wohlhabendere Länder ergreifen können. Dazu zählen die Streichung von Subventionen für fossile Brennstoffe aus Öl, Gas und Diesel, für die Regierungen mehr als 5 Billionen US-Dollar pro Jahr ausgeben und das obwohl erneuerbare Energien ohnehin billiger und wirtschaftlicher sind als fossile Brennstoffe. Auch die Förderung von Elektromobilität und öffentlichem Verkehr könnten einen wesentlichen Beitrag leisten. Weiteres Potenzial sieht Costello in der Änderung unserer Ernährungsgewohnheiten, unter anderem durch die Förderung einer gesünderen, weniger auf rotem Fleisch und Milchprodukten basierenden Ernährung, durch drastische Reduktion der Lebensmittelverschwendung genauso wie durch verstärkten Konsum von lokal und ökologisch nachhaltig produzierten Lebensmitteln. So sollte der Übergang zu einem kohlenstoffärmen Lebenswandel möglich werden.

Eine weitere wichtige Beobachtung in dem Bericht betrifft die ernsten Folgen der „Kommerzialisierung“, denn „das Gewinnmotiv des Wirtschaftssektors birgt viele Bedrohungen für die Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern, nicht zuletzt durch Umweltschäden, die durch die nicht regulierte Industrie verursacht werden.“ Mädchen und Buben auf der ganzen Welt seien enormem Werbeeinfluss ausgesetzt und Unternehmen würden mit aggressiven Marketingtechniken ihre Entwicklungsanfälligkeit ausnützen sowie mit Produkten ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden beeinträchtigen. In manchen Ländern werden Kinder und Jugendliche mit mehr als 30.000 Werbeanzeigen im Fernsehen pro Jahr bombardiert. Jene für Fast Food und stark zuckerhaltige Getränke fördern den Konsum ungesunder Lebensmittel, wodurch Übergewicht und Fettleibigkeit zunehmen. So sind heute elf Mal mehr Kinder und Jugendliche übergewichtig als noch vor 45 Jahren. Durch den negativen Einfluss auf das Kindeswohl müssen genau diese kommerziellen Unternehmen in die Pflicht genommen werden, selbst wenn sie für die Schaffung von Arbeitsplätzen und Wirtschaftswachstum unabdingbar sind. Kinder müssten vor „süchtig machenden oder ungesunden Waren“ wie Fastfood, Alkohol, Tabak, Glücksspiel und soziale Medien geschützt werden.

Klimawandel, Übergewicht und schädliche Werbe- und Marketingpraktiken führen dazu, dass Kinder Gefahren ausgesetzt sind, die vor einigen Jahrzehnten noch undenkbar schienen. Deshalb sind tiefgreifende Veränderungen nötig: Jede Regierung muss die Rechte von Kindern ins Zentrum ihrer Politik stellen und ihr Wohlergehen zum Maßstab ihres Handelns machen.

Henrietta Fore, UNICEF-Exekutivdirektorin

Forderungen der Expertenkommission

  • signifikante Reduktion des CO2-Ausstoßes, um Kindern eine Zukunft zu ermöglichen;
  • Fokusierung aller Maßnahmen zur Verwirklichung der nachhaltigen Entwicklungsziele auf Kinder und Jugendliche;
  • neue politische Initiativen und verstärkte Investitionen in Kindergesundheit und die Umsetzung der Kinderrechte;
  • Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an allen relevanten politischen und gesellschaftlichen Prozessen;
  • strengere Regulierung schädlicher Werbemaßnahmen auf nationaler Ebene und Ergänzung der UN-Kinderrechtskonvention um ein neues Zusatzprotokoll.

Eine Zukunft für die Kinder der Welt? Aktuell wäre keine Nation der Welt in der Lage, Kindern Sicherheit, Gesundheit und angemessenes Umfeld zu gewährleisten, lautet das Fazit von WHO, UNICEF und The Lancet. Klimawandel, ökologische Zerstörung, Bevölkerungsmigration, Konflikte, allgegenwärtig[...]

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8. Mai 2020

Najwas Alltag

Die 14jährige Najwa* aus Aleppo in Syrien, lebt seit fünf Jahren mit ihrer Familie in einem Flüchtlingscamp im grenznahen libanesischen Ghazzé. Heute sieht sie besorgt aus. Normalerweise kocht die Mutter mittags etwas auf dem kleinen Gaskocher vor dem Zelt für sie und ihre sieben Geschwister. Aber heute hat es dafür nicht gereicht. Seit Wochen lebt die Familie auf Sparflamme. Durch die Corona-Krise hat ihr Vater keine Arbeit mehr. Bisher hatte er als Fahrer in einer Möbelfirma gearbeitet, die einem syrischen Flüchtling gehört, und Najwa konnte zur nahegelegenen Damme-Schule gehen.

Najwa fehlt die Schule. (Foto: ALPHA Libanon)
Najwa fehlt die Schule. (Foto: ALPHA Libanon)

Seit der Corona-Krise ist alles anders

Nachdem im Februar der erste Corona-Infizierte entdeckt wurde, hat die libanesische Regierung schrittweise das öffentliche Leben lahmgelegt und auch die Schulen geschlossen. Die aufgrund der Corona-Krankheit verhängten neuen restriktiven Bedingungen der sozialen Distanzierung, der Quarantäne und der Ausgangssperre führten in den Flüchtlingslagern zu einem totalen Einkommensverlust, da die meisten syrischen Flüchtlinge bisher als Tagelöhner in der Landwirtschaft, auf dem Bau oder als Taxifahrer gearbeitet hatten. Auch viele Kinder mussten arbeiten, um das Überleben der Familien zu sichern. Seit dem 15. März ist die Arbeit auf den Feldern und in vielen anderen Bereichen verlangsamt. Nur eines von drei Familienmitgliedern, die auf den Feldern arbeiten, kann einen Tageslohn erhalten, 10 Dollar für 8 Stunden Arbeit. Doch wie soll sich eine zehnköpfige Familie mit 10 Dollar pro Tag über Wasser halten?

Hinzu kommt eine dramatische Finanzkrise, die den Libanon seit Monaten beutelt. Aufgrund der schlechten Wirtschaftslage hatten sich die Lebensmittelpreise schon vor Corona innerhalb weniger Wochen mehr als verdoppelt. Es gibt einen Mangel an Grundnahrungsmitteln. Aufgrund der gestiegenen Preise und fehlenden Einkommensmöglichkeiten können immer weniger Familien ihre Kinder ausreichend ernähren.

Vor der Corona-Krise ging ich morgens in die Damme-Schule, um dort Förderunterricht zu erhalten sowie Computer- und Zeichenunterricht. Ich bin in der siebten Klasse. Viele Mädchen in meinem Alter müssen auf den Feldern arbeiten, ich war sehr froh, dass ich einen Platz bekommen hatte. Um 13 Uhr kam ich ins Lager zurück, aß zu Mittag und ging dann um 14 Uhr in die öffentliche libanesische Schule, da der Unterricht für syrische Kinder dort nachmittags stattfindet.

Najwa, 14

Im Camp eingesperrt

„Jetzt mit Corona bin ich im Lager eingesperrt. Die Schule ist geschlossen. Wir erhalten unsere Hausaufgaben auf dem Handy unseres Vaters, wir lernen ein wenig, spielen im Zelt […]. Die Aufgaben zu machen ist nicht leicht, denn Ruhe zum Lernen gibt es nicht.“, erklärt Najwa.

Najwa vor dem Zelt, in dem sie mit ihrer zehnköpfigen Familie im Flüchtlingscamp lebt. (Foto: ALPHA Libanon)
Najwa vor dem Zelt, in dem sie mit ihrer zehnköpfigen Familie im Flüchtlingscamp lebt. (Foto: ALPHA Libanon)

Im Lager haben die Bewohner Angst: vor Ratten und anderen Tieren und vor dem neuen Virus. Die Familien leben auf engstem Raum, die hygienischen Bedingungen sind schlecht. Soziale Distanz ist hier schwer durchsetzbar. Gemeinsam mit neun anderen Familienmitgliedern teilt sich Najwa ein Zelt. Privatsphäre gibt es da nicht. Latrinen und Duschen nutzt die Familie gemeinsam mit vier anderen Familien. Den Menschen fehlt es an allem. Sie haben keine Masken oder Handschuhe und es gibt keine Seife oder Desinfektionsmittel. Außerdem sind auch diese Preise stark gestiegen. Früher kosteten drei Liter Chlor zwei Dollar, jetzt sind es vier Dollar.

Angesichts der mangelhaften Hygienebedingungen und fehlender medizinischer Hilfe ist die Gefahr groß, dass sich das Virus unter den Bewohnern im Lager verbreitet. Prinzipiell ist das UNHCR für die syrischen Lager und Bewohner zuständig. Bisher gab es aber keine Zelte zur Isolation von Infizierten und auch keine Corona-Tests im Lager. Es wurde eine Hotline eingerichtet, die die syrischen Flüchtlinge anrufen können, wenn sie krank oder in Gefahr sind und für kranke Menschen ist der Zugang zu Krankenhäusern prinzipiell möglich.

Aber was ist mit der Enge und der sozialen Distanz? Die meisten der Lager im Libanon wurden zwischenzeitlich vom UNHCR mit Wasserstoffperoxid besprüht. Das Camp, in dem Najwa mit ihrer Familie lebt, wurde von der Gemeinde mit Hilfe von lokalen Freiwilligen der Damme-Schule besprüht.

Flüchtlingslager im Libanon werden mit Wasserstoffperoxid besprüht. Das soll gegen das Virus helfen. (Foto: ALPHA Libanon)
Flüchtlingslager im Libanon werden mit Wasserstoffperoxid besprüht. Das soll gegen das Virus helfen. (Foto: ALPHA Libanon)

Auch Najwas Mutter ist besorgt. Peinlich genau achtet sie darauf, dass alles sauber bleibt. So wie die anderen Lagerbewohner bezieht die Familie das Wasser aus einem Brunnen. Jedes Zelt hat einen Tank, das Wasser kommt aus einer Leitung zu den Tanks. Dieses Wasser ist allerdings verunreinigt, weil der Brunnen in der Nähe der Abwasserkanalisation gebohrt wurde. Um das Brunnenwasser für den Haushalt zu benutzen, kocht Najwas Mutter das Wasser bei 90 Grad ab. Trinkwasser muss sie zusätzlich kaufen. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ist die Krätze eine häufige Krankheit. Da das Lager auf einem Feld errichtet wurde, werden die Bewohner immer wieder von Ratten und anderen Nagetieren befallen.

Meine Mutter hat Angst vor dem Virus. Sie ist hysterisch bezüglich des Händewaschens und der Wäsche. Sie putzt den ganzen Tag. Die Nachbarn sind untereinander misstrauisch, jeder vermutet, dass der andere Corona hat…

Najwa, 14

Die Bewohner versuchen, so gut es geht mit der neuen Situation und den Gefahren umzugehen. Auch Najwa fällt es nicht leicht. „Es ist langweilig, meine Brüder und Schwestern ärgern mich. Ich wünschte, ich könnte ein bisschen Privatsphäre haben und hätte ein eigenes Zimmer…“ Die Schule fehlt ihr und sie ist besorgt über die Situation ihrer Familie aufgrund der Corona-Krise und die Zukunft. Aber sie ist dankbar über die Hilfe von außen. Lokale und internationale Organisationen (wie ALPHA Libanon und die Kindernothilfe) verteilen Hygiene- und Lebensmittelkörbe. Jetzt werden Reis, Linsen, Kichererbsen, Spaghetti, Zucker, Milch, Tee und Kaffee wieder auf dem Speiseplan stehen. Und Seife, Chlor zur Desinfektion, Handschuhe, waschbare Atemschutzmasken aus Stoff und Waschmittel werden Najwas Mutter helfen, sich und ihre Familie vor Verunreinigungen zu schützen.

* Name von der Redaktion geändert

Die 14jährige Najwa* aus Aleppo in Syrien, lebt seit fünf Jahren mit ihrer Familie in einem Flüchtlingscamp im grenznahen libanesischen Ghazzé. Heute sieht sie besorgt aus. Normalerweise kocht die Mutter mittags etwas auf dem kleinen Gaskocher vor dem Zelt für sie und ihre sieben Geschwister. A[...]

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1. Mai 2020

Ein Hemd am Fenster signalisiert Gewalt in der Familie

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen hat auf einen weltweit dramatischen Anstieg der häuslichen Gewalt im Zusammenhang mit COVID-19 hingewiesen. In einigen Ländern hat sich die Zahl der Anrufe bei den Notfallhotlines verdoppelt. Gleichzeitig sind in Zeiten der Kontaktsperre die soziale Kontrolle schwierig geworden und das Aufdecken von Kindesmissbrauch unwahrscheinlicher geworden, da die Betreuung der gefährdeten Familien auf ein Minimum reduziert wurde. Durch die weitverbreiteten Schulschließungen, können auch die Lehrkräfte keine Anzeichen von körperlicher Gewalt wahrnehmen und anzeigen.

Lateinamerikas Kinder sind erhöhter Gewaltbereitschaft ausgesetzt. (Foto: James Rodriguez)
Lateinamerikas Kinder sind erhöhter Gewaltbereitschaft ausgesetzt. (Foto: James Rodriguez)

Lateinamerikas Kinder

Lateinamerika ist bekannt als Region mit dem höchsten Gewaltaufkommen weltweit. „Die Mischung aus Armut, Ungleichheit, organisiertem Verbrechen, politischer Korruption und Regierungen, die nicht die Menschenrechte schützen, potenzieren sich gegenseitig zu einer hohen Gewaltbereitschaft unter den Einwohnern, vor allem gegen die Schwächsten: die Kinder und Jugendlichen.“, sagt Andrea Iglesis, Sozialpsychologin, Expertin für Kinderrechte und Kindernothilfe-Regionaltrainerin für Lateinamerika in Sachen Kinderschutz.

Laut den aktuellen Zahlen der Vereinten Nationen „sind mehr als die Hälfte der Mädchen, Buben und Jugendlichen in der Region Opfer von physischer und emotionaler Gewalt, Vernachlässigung oder sexuellem Missbrauch. 40 Millionen Kinder unter 15 Jahren leiden unter Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung in der Familie der Schule und der Gemeinschaft.“ Das bedeutet, dass jeden Tag 67 Jugendliche zwischen 10 und 19 Jahren Opfer von Mord und Totschlag sind – eine Rate, die fünfmal höher ist als der weltweite Durchschnitt. Zudem werden in Lateinamerika jeden Tag 1,1 Millionen Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren Opfer von sexueller Gewalt. 6,3 Millionen Migranten sind unter 18 Jahren und es werden täglich mehr – aufgrund von Armut und Gewalt in ihren Familien und Gemeinden.

Zahlen, die schwer auszuhalten sind. Und die Vorstellung, dass sie angesichts Corona noch steigen könnten, ist erschütternd. Aber die Erfahrung lehrt, dass es so sein wird: Ausnahmezustände während einer Krise oder einer Katastrophe führen zu noch mehr Stress in den Familien, der sich in noch mehr Gewalt entlädt.

Anstieg der Gewaltbereitschaft

Die Folgen der Coronakrise haben nicht lange auf sich warten lassen. Die Systeme der Grundversorgung funktionieren mancherorts nicht mehr und es ist zu einem Anstieg von Morden an Frauen und häuslicher Gewalt gekommen, von der vor allem Kinder betroffen sind. Die Schutzmaßnahmen für Bedürftige und Kinder, die die einzelnen lateinamerikanischen Staaten je nach Mitteln und Möglichkeiten in ihren Statuten verankert haben, werden zur Zeit reduziert. „Selbst Vergehen an Minderjährigen werden zurzeit seltener gerichtlich verfolgt, was zu einem Anstieg der Gewalt führt“, beklagt Andra Iglesis.

In Zeiten von Corona gibt es viele Bereiche, die eine Herausforderung in Bezug auf den gesundheitlichen und seelischen Schutz der Mädchen und Buben darstellen. Insbesondere gilt dies für Kinder in Wohnheimen, Krankenhäusern und Jugendhaftanstalten. Ausgegrenzt von institutionalisierten Hilfsmaßnahmen sind zudem Straßenkinder sowie Kinder von Migranten und Flüchtlingen.

Internet: Segen und Fluch

In Zeiten der Kontaktsperre und Isolation, wenn Kinder nicht mit Lehrern oder anderen Vertrauenspersonen sprechen und sie um Hilfe bitten können, ist das Internet einerseits ein großer Segen. Organisationen wie die lokalen Kindernothilfe-Partner haben Seiten eingerichtet, über die Kinder Bescheid geben können, wenn sie Opfer von Gewalt oder Missbrauch geworden sind. Für viele eine Hilfe, für andere aber auch nur ein schöner Traum. Laut UIT, der Telefongesellschaft in Lateinamerika und der Karibik, haben im Durchschnitt nur 44 Prozent der Haushalte in Lateinamerika Zugang zum Internet – in Zentralamerika und den Andenländern sind es gerade mal 34 Prozent, in der Karibik sogar nur 20 Prozent. „Und diese Zahlen gelten auch nur für die Städte. Ländliche Regionen sind stark benachteiligt, was den Zugang zu Hilfsportalen im Internet betrifft“, sagt Andrea Iglesis. Sie weist außerdem darauf hin, dass das Internet nicht nur ein Segen in Quarantänezeiten ist, sondern unter Umständen für Minderjährige auch ein Fluch: „In derselben Weise, wie sich der Gebrauch der Informationstechnologien im Moment erhöht, wächst auch die Cyber-Kriminalität.“ Eine Aufklärung der Bevölkerung über die Gefahren des Internets sei ebenso dringend notwendig wie eine Prävention und Ahndung möglicher Delikte.

Hilfe für misshandelte Kinder

„Es gibt Hilfsangebote aus der Zivilbevölkerung heraus, um den Kindern zu helfen: zum Beispiel die Vereinbarung, ein Hemd in einer bestimmten Farbe aus dem Fenster zu hängen, wenn man Hilfe benötigt – als Signal für Nachbarn und Passanten, dass hier ein Kind in Not ist.“ – ein einfacher, praktikabler und wirksamer Weg für misshandelte Kinder.

Die Kindernothilfe und ihre Partnerorganisationen in Lateinamerika arbeiten schon seit vielen Jahren mit den lokalen Behörden zusammen, um Maßnahmen zur Gewaltprävention zu entwickeln, damit Kinder geschützt aufwachsen können. Sie fangen missbrauchte Mädchen und Buben, die nicht in ihren Familien bleiben können, in Schutzhäusern auf. Zudem werden Eltern über Kinderrechte aufgeklärt und bei ihrer Umsetzung unterstützt. In der aktuellen Situation arbeiten viele Partner mit Hochdruck daran, in ihren Projektgebieten den innerfamiliären Stress zu minimieren und die Gesellschaft dazu zu bringen, Gewaltdelikte anzuzeigen. Es wurden bereits frühzeitig gesundheits- und gewaltpräventiven Maßnahmen zum Schutz der Kinder verstärkt. So haben sie zum Beispiel Ansprechpartner in Gemeinden bestimmt, um schnell auf mögliche Vergehen reagieren zu können, ohne das Kontaktverbot zu verletzen.

Die Zukunft der Kinder in Lateinamerika

Laut einer Studie von Human Rights Watch vom 9. April 2020 gibt es Anzeichen, dass die durch COVID-19 verursachte Krise lang anhaltende und verheerende Auswirkungen auf die Mädchen und Buben in Lateinamerika haben wird.

Durch die Wahrscheinlichkeit eines Gesundheitssystem-Kollaps in vielen lateinamerikanischen Regionen verschärft sich das Risiko der Kindersterblichkeit, da notwendige Impfungen oder andere Medikamente nicht mehr gegeben werden können. Diese Gefahr ist in den vielen Flüchtlings- und Migrantenlager, wo tausende Menschen dicht gedrängt leben und weder das Kontaktverbot noch die erforderlichen Hygieneregeln eingehalten werden können, noch größer. Zusätzlich sind jene Kinder, die aus Schutzgründen in Wohnheimen untergebracht werden und dort auf engem Raum mit anderen Kindern aus anderen Familien zusammenleben, einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt.

Abgesehen davon ist davon auszugehen, dass der Arbeitsplatzverlust und das geringere Einkommen sowie die damit einhergehende finanziell unstabile Situation in vielen Familien dazu führen wird, dass mehr Kinder als vorher arbeiten müssen. Ebenso ist mit einem Anstieg des sexuellen Missbrauchs, der Kinderehen und der Kinderschwangerschaften sowie der sexuellen Ausbeutung über das Internet zu rechnen. Die durch COVID-19 zu Waisen oder Halbwaisen gewordenen Kinder sind dabei noch schutzloser der Gefahr von sexueller und kommerzieller Ausbeutung ausgesetzt.

Um die Kinder Lateinamerikas in dieser Krise und auch danach zu schützen, braucht es neben legislativen Strukturen Räume der Sicherheit für Kinder. Zudem müssen Familien finanziell gestärkt und auf die Rechte ihrer Kinder hingewiesen werden.

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen hat auf einen weltweit dramatischen Anstieg der häuslichen Gewalt im Zusammenhang mit COVID-19 hingewiesen. In einigen Ländern hat sich die Zahl der Anrufe bei den Notfallhotlines verdoppelt. Gleichzeitig sind in Zeiten der Kontaktsperre die soziale Kont[...]

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