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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

Kindernachrichten: Die mutigen Kinder Boliviens

Kindernothilfe Mitarbeiterin Sarah Hadodo (Graf) reiste Anfang des Jahres nach Bolivien, um drei unserer Projekte im Armenhaus Südamerikas zu besuchen: Potosi, Tapacari und Chaqui. „Wie schrecklich die Armut in Bolivien ist, habe ich erst durch meine Projektreise richtig begriffen. Aber auch wie unglaublich stark und zielstrebig viele der jungen Menschen sind – wahre Kämpfer und Kämpferinnen!“

Kindernothilfe Mitarbeiterin Sarah Hadodo mit der 8-jährigen Tereza im Kindernothilfe-Projekt „Yachay Mosoj“. (Foto: Katharina Wurian)

Ein Kind zählt weniger als eine Ziege

Die Armut in Bolivien ist unvorstellbar. Von den knapp 11 Millionen Einwohnern leben ca. 20% von weniger als 2 Dollar pro Tag, wobei die Bedingungen vor allem für die indigene, ländliche Bevölkerung sehr prekär sind. Sie haben kaum Zugang zu staatlichen Grunddiensten wie Gesundheitsversorgung oder Bildung hat. Speziell in den ländlichen Regionen hausen Familien in kleinen, schlecht isolierten Hütten, oft alle gemeinsam in einem einzigen Raum. Auf dem Boden liegen Decken, Möbel gibt es keine.

Das Los der Kinder, die in diesen Verhältnissen aufwachsen müssen, ist ein besonders schweres. Als schlecht bezahlte Tagelöhner und Gelegenheitsarbeiter können Eltern ihre Familien selten ausreichend ernähren geschweige denn ihren Kindern eine Schulbildung ermöglichen. Folglich sind die Mädchen und Buben hier außer als Arbeitskraft nicht viel wert. Umarmungen und liebe Worte sind selten, ihre Zukunftschancen mehr als dürftig.

Gewalt – ein Tabuthema

Zusätzlich ist Gewalt im traditionell männerdominierten Bolivien nach wie vor ein großes, aber tabuisiertes Thema. Schläge statt miteinander reden ist in vielen Familien trauriger Alltag. Denn in einem Leben gezeichnet von extremer Armut und Aussichtslosigkeit sehen viele Männer und Väter oft keine anderen Handlungsmöglichkeiten, insbesondere dann wenn auch noch Alkohol ins Spiel kommt. Zudem hat die patriachale Tradition dazu geführt, dass Frauen kaum über Bildung verfügen und nicht wissen, wie sie sich wehren können. Erst seit wenigen Jahren gibt es Bestrebungen, das allgemeine Problembewusstsein zu schärfen und Frauen und Müttern die Möglichkeit zu geben, sich zu wehren und sogar bei der Polizei Anzeige zu erstatten.

Kinder leiden besonders unter der Gewalt. Während es früher üblich war, darüber zu schweigen: „Sonst kommt Papa ins Gefängnis!“, wird  nun versucht, Gewaltprävention in der Schule zu unterstützen. „Die größte Hoffnung sehe ich in der Jugend“, ist Psychologin Daniela S., die in einem unserer Förderzentren in Potosi arbeitet, überzeugt. „In der Schule führen wir viele Gespräche über Gewalt. Das Verhalten der Buben hat sich schon sehr verändert. Denn die Mädchen zeigen ihnen‚ wo es langgeht!“  Im Förderzentrum finden die Kinder und Jugendlichen zudem einen Zufluchtsort, an dem die geschulten, sehr engagierten MitarbeiterInnen immer ein offenes Ohr haben und auf sie eingehen.

Kindernothilfe-Projekt „Yachay Mosoj“ in Bolivien (Foto: Katharina Wurian)

„Man kann nicht die ganze Welt ändern. Aber im eigenen Umfeld beginnen“, so die 18-jährige Cindy, die das Projekt „Yachay Mosoj“ besucht, und  die dieses Jahr trotz ihrer Herzkrankheit den Schulabschluss machen wird. Danach möchte die zielstrebige junde Frau einen technischen Beruf ausüben.

Die Geschichte von Izabela

Die achtzehnjährige Izabela ist die älteste von sieben Geschwistern. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe des Cerro Rico und ist wie die meisten Kinder hier in bitterer Armut aufgewachsen.

Izabela, du hast schon mit sechs Jahren gearbeitet?
Ja, denn mein Papa wurde durch die anstrengende Arbeit in den Minen sehr krank, und wir hatten kein Geld mehr. Er hatte auch einen schweren Unfall, wurde von einer Last beinahe erdrückt – ich musste mit meinen Verwandten in die Mine hinein und ihn suchen. Die Luft dort ist furchtbar! Aber ich kannte die Mine schon vor seinem Unfall, weil ich Papa öfters Essen in den Stollen gebracht habe. Ich selbst half als kleines Mädchen meiner Mutter Chicharron, ein Schweinefleischgericht, zu verkaufen.

Warum arbeiten trotz Lebensgefahr so viele Männer in der Mine?
Weil es, bis auf den Maurerberuf, kaum Alternativen gibt. Auch mein 15-jähriger Bruder musste bereits in der Mine arbeiten.

Trotz Arbeit hast du auch immer die Schule besucht?
Ja, ich arbeite und lerne! Meine Mutter hat großen Wert darauf gelegt, dass ich das Kindernothilfezentrum und die Schule in Potosi besuchen kann. Ich arbeite heute Teilzeit in einer Konditorei.

Möchtest du auch einmal eine Familie haben?
Ja. Aber zuerst brauche ich eine gute Ausbildung. Das ist sehr wichtig.

Was möchtest du die Menschen in Österreich wissen lassen?
Unsere Lebensumstände könnt ihr euch in Europa sicher gar nicht vorstellen … Die Situation der Kinder bessert sich, wenn auch nur sehr, sehr langsam. Wir brauchen viel Kraft und Selbstvertrauen und noch viel mehr Unterstützung.Das ist die Realität in Bolivien.

Kindernothilfe-Förderzentrum in Potosi, Bolivien (Foto: Katharina Wurian)

Sarah Hadodo hat auf ihrer Reise  interessante, optimistische Mädchen getroffen: „Wenn man mit diesen zielstrebigen jungen Menschen spricht, weiß man, welche großartige Arbeit hier in den Projekten geleistet wird!“  „Wir sind auf einem guten Weg. Wenn junge Frauen wie Izabela oder Cindy später einmal Kinder haben werden, so werden sie vieles anders machen als ihre Eltern!“, so die Psychologin Daniela S.

Mehr zum Projekt „Yachay Mosoj“ und der Situation der Minenarbeiterkinder in Bolivien

 

Kindernothilfe Mitarbeiterin Sarah Hadodo (Graf) reiste Anfang des Jahres nach Bolivien, um drei unserer Projekte im Armenhaus Südamerikas zu besuchen: Potosi, Tapacari und Chaqui. "Wie schrecklich die Armut in Bolivien ist, habe ich erst durch meine Projektreise richtig begriffen. Aber auch wie un[...]

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Ein Netz für Kinder

Die Kinder aus dem Kindernothilfeprojekt in La Victoria sagen Danke! (© Kindernothilfepartner)
Die Kinder aus dem Kindernothilfeprojekt in La Victoria sagen Danke! (© Kindernothilfepartner)

Wenn Spinnen zusammenarbeiten, können sie einen Löwen bändigen

Unbekannt aus Ghana

Dieses Sprichwort aus Ghana begleitet mich seit meiner ersten Projektreise nach Afrika vor mittlerweile 24 Jahren. Und es hat für mich, seit ich für die Kindernothilfe arbeiten darf, einen erweiterten Sinn bekommen: Das Kindernothilfe-Netzwerk als verlässliches Netz für bedürftige Kinder und ihr soziales Umfeld. Ein Netz, das durch motivierte Spender, engagierte Ehrenamtliche, wertvolle und kompetente Kollegen sowie gute Kooperationspartner in den Projekten auch tragfähig ist. Lokale Partnerorganisationen sind in den weltweit 31 Projektländern der Kindernothilfe die Hauptakteure. Ohne sie ist die Umsetzung der mehr als 700 Projekte nicht möglich. Sie kennen die lokalen Gegebenheiten, sprechen die Sprache der Menschen, sehen, wo die Hilfe am Nötigsten ist – und sorgen für deren Umsetzung.

„Löwen“ gibt es im Arbeitsumfeld der Kindernothilfe wahrlich genug: Armut, Ausbeutung, Gewalt, fehlende Bildungschancen, mangelnde Gesundheitsversorgung – das sind nur einige der Bedrohungen, denen „unsere“ Kinder täglich ausgesetzt sind. Um diesen Herausforderungen als Netz für Kinder wirksam auch begegnen zu können, sind engagierte Mitarbeiter vor Ort unverzichtbar. Nur sie sind mit dem sozialen Umfeld, der Kultur und Sprache sowie den oft schwierigen politischen Rahmenbedingungen in Krisenregionen vertraut. Ich persönlich habe vor vielen dieser vor Ort im Einsatz stehenden Menschen großen Respekt, wenn ich sehe, mit welch wenigen Ressourcen und unter was für schwierigen Rahmenbedingen dort großartige und wirksame Arbeit für die betreuten Kinder und ihre Familien geleistet wird. Auch meine beiden Teamkolleginnen Sarah Graf und Katharina Wurian, die gerade sehr begeistert von einer Projektreise aus Bolivien zurückgekehrt sind, haben einmal mehr bestätigt, wie wichtig und wertvoll das Engagement und die Anstrengungen der lokalen Mitarbeiter für das Gelingen unserer gemeinsamen Projektvorhaben sind.

Wer also sind die „Spinnen“ des Kindernothilfe-Netzes, durch die die Arbeit der Hilfsorganisation überhaupt erst möglich wird?

„Unsere Kollegen arbeiten nicht für die Projekte, sondern sie leben quasi dafür. Sie kennen alle Namen und das Schicksal jedes einzelnen Kindes sowie die Lebensgeschichten der Geschwister und Eltern im Projekt“, erzählt etwa Projektkoordinatorin Margarita von PASOCAP aus dem Projektalltag im Hochland Boliviens. „Es geht hier nicht darum, seine Stunden abzusitzen, sondern es geht hier um echtes Engagement.“

Von Engagement weiß auch María Eugenia Galindo Soza von unserem Projektpartner CETM aus Bolivien zu berichten: „Die CETM-Mitarbeiter leben von Montag bis Freitag auf 3.800 Metern Höhe in Tapacari bei und mit den Menschen. Lediglich an den beiden Wochenendtagen sind sie zuhause bei ihren eigenen Familien.“

Und Barbara Meisl, Projektleiterin des Waisenhauses Baan Doi im Norden Thailands, hat sich ihren Einsatz gleich zum Lebensinhalt gemacht: Gemeinsam mit einer Schweizer Freundin hat die Salzburgerin ihrer Heimat vorerst den Rücken zugekehrt und gibt Aidswaisen ein neues Zuhause – ihr „Arbeitstag“ dauert 24 Stunden täglich, das von der Kindernothilfe unterstützte Projekt beherbergt mittlerweile mehr als 30 Kinder.

Ebenfalls tagein, tagaus für die Kindernothilfe unterwegs ist Jethro Bamutungire, Selbsthilfegruppenkoordinator für Ostafrika – er betreut mit großem Einsatz die Arbeit der Selbsthilfegruppen in Uganda, Ruanda und Kenia. Er weiß genau, was die Frauen der einzelnen Gruppen bewegt, weiß, wie hoffnungslos sie oft sind, wie sie zu bewegen, zu unterstützen, zu überzeugen sind. Damit sie selbst daran glauben, dass sich ihr Leben nachhaltig verbessern kann. Dass sie gemeinsam gegen den „Löwen“, gegen die Armut antreten können.

Schön, so engagierte, unermüdliche Menschen als Teil des Kindernothilfe-Netzes zu wissen.

Die Kinder aus dem Kindernothilfeprojekt in La Victoria sagen Danke! (© Kindernothilfepartner) Wenn Spinnen zusammenarbeiten, können sie einen Löwen bändigenUnbekannt aus Ghana Dieses Sprichwort aus Ghana begleitet mich seit meiner ersten Projektreise nach Afrika vor mittlerweile 24 Jahren.[...]

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2. Mai 2018

Nicht nur auf die Saat, auf den fruchtbaren Boden kommt es an!*

Hilfe zur Selbsthilfe: Seit vielen Jahren arbeitet die Kindernothilfe mit dem Selbsthilfegruppen-Ansatz (SHG), der darauf abzielt, vor allem die ärmsten Frauen in den benachteiligten Projektregionen sozial, wirtschaftlich und politisch zu stärken, damit sie sich aus eigener Kraft aus der Armut befreien können. Das Wissen, das die Gruppen von uns bekommen, hilft ihnen, sich und ihren Kindern eigenständig ein besseres Leben zu ermöglichen. Außerdem treiben sie dadurch auch die Entwicklung ihrer ganzen Region voran.

Sibanga in Ostuganda (Foto: Kindernothilfe Österreich)

Die persönliche Geschichte von Stella aus Sibanga

Die Geschichte von Stella aus Sibanga, Ostuganda, zeigt das Potenzial, das im SHG-Ansatz steckt, um die schlechten sozioökonomischen Verhältnisse und damit die individuellen Lebensbedingungen der Menschen vor Ort zu verändern.

Stella lebte – wie die meisten ihrer Gemeindegenossinnen – mit ihrer Familie sehr lange unter schwierigsten Bedingungen. Bittere Armut, schlechte hygienische Zustände und die damit verbundene ständige Bedrohung, an Malaria und/oder HIV/Aids zu erkranken, harte landwirtschaftliche Arbeit mit nur geringer Ausbeute und fehlende Unterstützung gehörten zu ihrem Alltag. Die Hausfrau aus dem Bezirk Manafa hatte kaum Mitspracherecht bei hausinternen Entscheidungen, und es war ihr nur sehr schwer möglich, ihre Familie zu versorgen, geschweige denn ihren Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen.

Kein seltenes Bild in Ostuganda: Bei der Arbeit anstatt in der Schule (Foto: Kindernothilfe Österreich)

Mit der Hoffnung auf Veränderung und dem Wunsch nach besseren Lebensumständen für sich und ihre Familie trat sie im Juli 2015 einer SHG in ihrer Region bei. Da ihr Mann der Arbeit der SHGs zunächst sehr skeptisch gegenüberstand, erzählte sie ihm nichts von der Teilnahme an den Gruppentreffen. Nach einiger Zeit konnte jedoch auch er von dem SHG-Ansatz und den sich daraus ergebenen positiven Entwicklungen für seine Familie überzeugt werden.

Stella in ihrem eigenen kleinen Geschäft (Foto: Kindernothilfepartner)

Obwohl Stella zunächst die jüngste und unerfahrenste Frau in ihrer Gruppe war, wurde ihr von den anderen Frauen sehr bald die Rolle der Sekretärin der Gruppe anvertraut.

Nachdem die Gruppe genug Geld angespart hatte, erhielt Stella einen Kleinkredit, um mit dem Verkauf von zunächst Holzkohle ein Geschäft zu starten. Nachdem sie dadurch ein erstes Einkommen generieren konnte, lieh sie sich noch einige weitere Male Geld von ihrer SHG. Mit dem geliehenen Kapital baute sie ihr Geschäft weiter aus und bietet inzwischen diverse Konsumgüter zum Verkauf an. Dadurch erwirtschaftet sie ihr eigenes Einkommen, mit dem sie sich und ihre Familie gut versorgen kann.

„Mir geht es viel besser. Ich habe einen Platz, an dem ich meine Probleme mit anderen teilen kann. Und ich bin endlich in der Lage, für meine Kinder zu sorgen.“

Selbsthilfegruppe im Sibanga-Butto-Projekt (Foto: Kindernothilfe Österreich)

Das Sibanga – Butta Gemeinwesenentwicklungsprojekt

Seit 2013 arbeiten wir mit unserem lokalen Partner, der in den 60er Jahren gegründeten Mbale Diözese, zusammen, um benachteiligte Frauen und Kinder der Region zu einem selbstbestimmten Weg aus der Armut zu befähigen und sie in ihren Rechten nachhaltig zu stärken. Gerade Witwen mit vielen Kindern sowie Waisen, die mit ihren Geschwistern einen eigenen Haushalt führen müssen, sollen von den Selbsthilfegruppen in Sibanga profitieren.

Die 97 bisher gegründeten Gruppen bestehen aus je ca. 15 Mitgliedern und treffen sich einmal wöchentlich, um sich untereinander auszutauschen, Ideen zu sammeln und sich gegenseitig Mut zu machen. So entsteht ein Vertrauensverbund, in dem man gemeinsam Probleme bespricht und löst. Die Teilnehmerinnen erfahren Solidarität und werden in ihrer Persönlichkeit gestärkt.

Neben dem sozialen Aspekt des wöchentlichen Austausches geht es im SHG-Ansatz darum, den Frauen ein umfassendes Wissen zu den Themen Ernährung, Gesundheitsvorsorge, Bildung, Kinderrechte uvm. zu vermitteln und sie darin entsprechend zu schulen, damit sie langfristig eigenständig für ihre Kinder und Familien sorgen können. Auch an der wirtschaftlichen Entwicklung der Mitglieder wird aktiv gearbeitet. Abgesehen von der Vermittlung wirtschaftlicher Grundlagen und Grundkenntnissen im Bereich der Unternehmensgründung sparen die SHGs gemeinschaftlich Kleinstbeträge an, aus denen langsam aber sicher ein Kapitalstock entsteht. Dieser erlaubt dann die Vergabe von Minikrediten an die Gruppenmitglieder, um ihnen zum Beispiel die Gründung eines eigenen Geschäfts, einer Tierzucht oder den Kauf von Geräten und Werkzeugen für die tägliche Arbeit zu ermöglichen.

Heute gibt es durch unsere Arbeit bereits 30.000 Selbsthilfegruppen in 20 Ländern.

Mehr zu unserem Projekt in Sibanga „Uganda: Hilfe zur Selbsthilfe“
* Thomas Paul, Initiator der Kindernothilfe-Selbsthilfegruppen, Kindernothilfe Deutschland

Hilfe zur Selbsthilfe: Seit vielen Jahren arbeitet die Kindernothilfe mit dem Selbsthilfegruppen-Ansatz (SHG), der darauf abzielt, vor allem die ärmsten Frauen in den benachteiligten Projektregionen sozial, wirtschaftlich und politisch zu stärken, damit sie sich aus eigener Kraft aus der Armu[...]

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11. April 2018

Cir’andando pelos direitos – Gemeinsam für Rechte

Wenn Kindern die Identifikation mit ihrem Umfeld genommen wird, haben sie es schwer, Zukunftsperspektiven zu entwickeln.

Im nordostbrasilianischen Bundesstaat Bahia liegen die beiden Kommunen Retirolândia und Santaluz, die zu den ärmsten der Region zählen. Anhaltende Dürreperioden und fehlende Einkommensmöglichkeiten (85% verfügen über kein bzw. kaum Einkommen) gestalten das Leben der ortsansässigen Landbevölkerung zermürbend und aussichtslos. Erschwerend kommt hinzu, dass dringend notwendige Investitionen von staatlicher Seite nicht oder nur unzureichend getätigt werden. Dies gilt insbesondere für die institutionellen Angebote im Bildungssektor, die nicht ausreichend an die Bedürfnisse und Lebensrealität der Landbevölkerung angepasst sind.

„Gemeinsam für Rechte“ (Foto: Kindernothilfepartner)

Um speziell der jungen Generation neue Zukunftsperspektiven zu ermöglichen, wurde das Projekt „Cir’andando pelos direitos – Gemeinsam für Rechte“ unseres Partners MOC (Movimento de Organização Comunitária) ins Leben gerufen, das sich eine nachhaltige Verbesserung der Lebensumstände durch ländliche Gemeinwesenentwicklung, Grundbildung sowie Lobby- und Advocacyinitiativen zum Ziel gesetzt hat. Dafür werden nicht nur die benachteiligten, gefährdeten Kinder und Jugendliche zwischen 4 und 18 Jahren und ihre klein bäuerlichen Familien in die Arbeit vor Ort mit einbezogen, sondern auch Schulen und lokalpolitische Entscheidungsträger. In zahlreichen Kursen, Aktivitäten und Workshops setzen sie sich insbesondere mit den Themen Kinderrechte und Gemeindeentwicklung auseinander.

Kinder machen Radio und treten lautstark für ihre Rechte ein

Einweihung der neuen Radiostation in Miranda (Foto: Kindernothilfepartner)

In selbst gestalteten Radiobeiträgen, die über Lautsprecher auf der Straße ausgestrahlt werden, machen die Kinder auf kreative Art und Weise auf Missstände aufmerksam und fordern lautstark Verbesserungen ein. Wöchentlich stellen sie eigenverantwortlich Radioprogramme über ihre Realität vor Ort, ihre Rechte und Pflichten sowie Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen zusammen. Denn diese zu verstehen, einzufordern und wahrzunehmen, hilft ihnen dabei, ihr Leben zu ändern und Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

Die Sendungen sind sehr beliebt und haben eine enorme Resonanz im Projektgebiet: Hunderte von Jungen und Mädchen gehören zu ihrer Hörerschaft. Sie werden informiert und für Aktionen – z.B. zur Gewaltprävention – mobilisiert. Um dieses Engagement der Kinder und Jugendlichen weiter zu fördern wurden 2017 zwei neue Radiostationen eingerichtet. Die Gemeinde Miranda hat dafür sogar extra einen zusätzlichen Raum in einer Schule gebaut.

Auf die Frage, was die Kinder und Jugendlichen in der Gemeinde von diesem Projekt erwarten und welche Vorteile das Radio hat, klingen die Antworten voll Eifer und der Bereitschaft, neue Entdeckungen zu machen. „Es wird sehr gut sein!“ „Ich denke, wir werden es sehr mögen.“ „Es lässt uns mehr Beschäftigung haben.“ „Und du kannst viele verschiedene Dinge lernen.“

Kinder äußern ihre Meinung und werden aktiv

In gemeindeübergreifenden Workshops setzen sich Familien mit der Alltagsrealität in ihren Gemeinden auseinander und identifizieren Prozesse und Aktivitäten, die ihnen notwendig erscheinen, um die Rechte von Kindern zu garantieren. Anschließend werden sie den jungen Heranwachsenden vorgestellt, die nun ihrerseits aufgefordert sind, ihre Meinung dazu zu äußern und sich aktiv zu beteiligen.

Für den Projekterfolg ist es essentiell, dass die Mädchen und Buben zu jedem Zeitpunkt aktiv in die Durchführung, aber auch in die Auswertung der Projektaktivitäten eingebunden sind. Ihre Erfahrungen mit dem Projekt und dessen Einfluss auf ihre Gemeinde haben sie zunächst in Zeichnungen und Bildern festgehalten. Anschließend haben sie ihre Sicht auf das Projekt und die Projektarbeit erläutert und zur Diskussion gestellt. In einem weiteren Schritt haben die Mütter die Geschichten ihrer Kinder mit ihren eigenen Eindrücken und Erkenntnissen verbunden und ebenfalls illustriert und präsentiert. Der Fantasie waren dabei keine Grenzen gesetzt. Manche Mütter fertigten Kissen an und bestickten sie mit Motiven aus ihrem Alltag. In einer Gemeinde wurde sogar eine Patchwork-Decke angefertigt. Diese Aktion war mehr als das Verstricken von Fäden oder Anfertigen einer Handarbeit; sie hat insbesondere zur Stärkung familiärer und zwischenmenschlicher Bindungen beigetragen.

Kinder intervenieren und nehmen Einfluss auf die Entwicklung in ihren Gemeinden

Erkenntnisse aus den Kursen und Workshops mit den Kindern und Jugendlichen werden in den neuen Entwicklungsplänen berücksichtigt. In Versammlungen mit Gemeindeorganisationen wird deutlich gemacht, wie wichtig die Intervention der jungen Menschen ist. Vor Vertretern der Gemeindeverwaltung können sie die wichtigsten Herausforderungen, die sie in ihren Gemeinschaften zur Gemeindeentwicklung und Umsetzung von Kinderrechten identifiziert haben, präsentieren und die aus ihrer Sicht erforderlichen Strategien und Aktionen zur Problembehebung zur Diskussion stellen.

Kommunikation ist nicht nur ein Menschenrecht, wie dieses Projekt in Brasilien deutlich zeigt. Es ist den jungen Menschen ein Werkzeug, mit dem sie einen Zugang zu ihrer eigenen Identität finden können, weil sie sich für ihre Radiosendungen mit ihrem Umfeld auseinandersetzen und beginnen, sich damit zu identifizieren. Und letztlich können sie ihre ganz eigenen Zukunftsperspektiven entwickeln und eigenverantwortlich in eine besser Zukunft starten.

 

Mehr Infos zu unserem Projekt „Lernen fürs Leben“ in Bahias Kommunen Retirolândia und Santaluz auf unserer Webseite: www.kindernothilfe.at/lernenfuersleben

Wenn Kindern die Identifikation mit ihrem Umfeld genommen wird, haben sie es schwer, Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Im nordostbrasilianischen Bundesstaat Bahia liegen die beiden Kommunen Retirolândia und Santaluz, die zu den ärmsten der Region zählen. Anhaltende Dürreperioden und fehlende E[...]

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Philippinen: Frauenpower gegen Armut und Katastrophen

Danke an unsere deutsche Kollegin Gunhild Aiyub für diesen interessanten Blogbeitrag zum Thema Selbsthilfegruppen! 

Versammlung einer Selbsthilfegruppe auf den Philippinen (Foto: Kindernothilfepartner)

Die Kindernothilfe-Partner auf den Philippinen setzen sich seit zehn Jahren dafür ein, dass Frauen ein neues, starkes Selbstbewusstsein bekommen. Denn das befähigt nicht nur die Familie, sondern ganze Dörfer und Kommunen, ihre Lebensumstände zu verbessern. Vor allem nach dem verheerenden Taifun Haiyan 2013 bemüht sich unsere Partnerorganisation SIKAT in der Region Guiuan darum, Selbsthilfegruppen für Frauen zu gründen. Sie sind eine Art Plattform, auf der Ideen entstehen, Träume verwirklicht und Strategien entwickelt werden. Unsere Korrespondentin Jenifer Girke war dort und hat sich umgesehen.

 

Das wirkliche Überleben begann danach

Es war der 8. November 2013. Die meisten Bewohner in der philippinischen Provinz Guiuan waren zu Hause, auf See zum Fischen oder in der Schule. Viele hatten die Warnungen nicht ernst genug genommen, schließlich sind sie heftige Naturkatastrophen gewohnt. Doch “Haiyan”, oder “Yolanda”, wie ihn die Einheimischen nennen, war anders. Er war stärker, grausamer und brutaler. Der Taifun zerstörte mit einer Geschwindigkeit von 379 km/h alles, was seiner Wucht nicht standhalten konnte. Richelles Zuhause hielt auch nicht stand: “Evakuiert?”, fragt die 33-Jährige mit einem ironischen Lächeln, “Nein, wir wurden hier nicht weggebracht, wir wurden auch nicht gerettet. Wir blieben einfach zu Hause.” Richelle, ihr Mann und die vier Kinder überlebten den Taifun, aber das wirkliche Überleben begann danach: “Nach dem Taifun hatten wir nichts mehr – kein Essen, kein Zuhause, keine Kleidung. Ich wusste wochenlang nicht, was ich meinen Kindern zu essen geben sollte. Selbst wenn wir Geld gehabt hätten, gab es nichts zum Kaufen.”

Der Taifun Haiyan hat vielfach die getroffen, die ohnehin schon wenig hatten. Nicht nur der Fischfang lag danach brach. (Foto: Kindernothilfepartner)

Hilfe für entferntere Inseln

Viele lokale Hilfsorganisationen konzentrierten sich in den ersten Tagen nach Haiyan auf die Festland-Gebiete rund um die Stadt Tacloban. Sozialarbeiter berichten sogar davon, dass sich einige Nichtregierungsorganisationen weigerten, entsprechende Hilfe auf entferntere Inseln zu bringen – zu groß sei das Risiko eines nächsten Taifuns. Doch einen Plan zur Umsiedlung gab und gibt es nicht, bis heute, mit der Begründung, es fehle das Geld. Die Folge: Gebiete wie die Inseln Victory Island oder Camparang, auf der auch Richelle lebt, wurden sich selbst überlassen.

Wir sind mit unserer Partnerorganisation SIKAT schon jahrelang in der Provinz Guiuan im Einsatz. Neben Soforthilfe und Sicherstellung einer grundsätzlichen Versorgung ist es ein großes Anliegen, Menschen wie Richelle eine langfristige Perspektive zu geben, damit sie sich selbst eine Zukunft aufbauen können. Auch wenn Geld eine entscheidende Notwendigkeit ist, brauchen diese Menschen zunächst etwas anderes: Glauben an sich selbst und neuen Mut. Ohne Selbstbewusstsein und einen guten Plan, von dem die Betroffenen selbst überzeugt sind, nützen Geldspenden nur bedingt etwas. “Wir wollen in die Zukunft dieser Menschen investieren. Sie sollen nicht abhängig von dem Geld anderer sein, sondern sich befähigen, eigenes Geld zu verdienen”, erklärt der philippinische Kindernothilfe-Mitarbeiter Ken Cacao, der für die Region Samar zuständig ist.

Eine Selbsthilfegruppe führt Buch über die Ersparnisse (Foto: Kindernothilfepartner)

„Pagkakaisa“ bei den Frauen schaffen

Die erste Selbsthilfegruppe (SHG) gründete die Kindernothilfe in der Kommune San Juan südwestlich von Manila. Sie trägt  den Namen “Pagkakaisa”, das bedeutet “Einigkeit”. Genau das ist das Ziel: Einigkeit schaffen, in der Familie, dem Dorf, der Kommune. Die Kindernothilfe-Koordinatorin auf den Philippinen, Daryl Leyesa, ist von dem Konzept überzeugt: “Es ist ein sehr effektiver Ansatz, der auf Stärkung der Menschenrechte basiert und sich stets nach den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Menschen vor Ort richtet.” Nach zehn Jahren ist sehr deutlich, dass dieses Konzept erfolgreich hilft, den Beteiligten eine neue, hoffnungsvolle Perspektive zu geben: “Die SHGs  richten sich an die Ärmsten unserer Gesellschaft und zeigen ihnen, wie sie sich selbst stärken und damit aus der Armut befreien können”, so Leyesa.

Ausdruck für das neue Bewusstsein für Katastrophenschutz: eine Hochwasser-Gefahrenkarte (Foto: Kindernothilfepartner)

Nach Haiyan richtete SIKAT sein Augenmerk verstärkt auf die Regionen, in denen viele Bürger durch die Katastrophe ihre Existenz verloren hatten. Hier brauchte es dringend ein neues Bewusstsein für Katastrophenschutz, eine bewusste Wahrnehmung der eigenen Verantwortung, aber auch der eigenen Fähigkeiten, mit der Gefahr von Taifunen und ähnlichen Geschehnissen umzugehen. Das ist es, was vor allem Ken Cacao in seiner täglichen Arbeit in diesen Gebieten antreibt. Er kümmert sich seit dem Taifun um die am stärksten betroffenen Gemeinden und besucht regelmäßig die Treffen der SHGs: “In allererster Linie geht es uns hier um die Stärkung der Gemeinschaft. Wenn diese Frauen lernen und verstehen, wie viel sie in ihrer eigenen Hand haben, dann entwickelt sich ein ganz neues Selbstbewusstsein und das stärkt das ganze Dorf. Ein gestärktes Dorf kann nicht nur Probleme wie Armut besser bekämpfen, sondern auch effektiver mit Naturkatastrophen umgehen. Das ist überlebenswichtig.”

Dass man sich bei diesem Appell zunächst an Frauen richtet, ist eine logische Schlussfolgerung der gesellschaftlichen Situation, denn Frauen werden auf den Philippinen nach wie vor als minderwertige Bürger angesehen, deren Fähigkeiten stets auf innerfamiliäre Aufgaben reduziert werden. Deswegen sind es die Frauen, die oft unentdecktes Potenzial haben, aber nicht den Glauben daran, es auch nutzen zu können.

Richelle konnte sich dank ihrer Selbsthilfegruppe ein kleines Geschäft zu Hause aufbauen (Foto: Kindernothilfepartner)

Richelles Schritt in eine positive Zukunft

So auch Richelle. Mit diesem neu geschöpften Antrieb hat sie sich  ein kleines Geschäft zu Hause aufgebaut: “Ich habe vier Kinder zu Hause, also kann ich nicht weit wegfahren, um zu arbeiten. Aber dann dachte ich mir, wenn ich nicht zur Arbeit kann, hole ich mir die Arbeit eben nach Hause.” Einmal im Monat kauft die Familienmutter Benzin auf dem Festland ein, füllt es zu Hause in kleine Plastikflaschen und verkauft es an die Fischer auf ihrer Insel. Das Startkapital dafür konnte sich Richelle aus dem Fond der Selbsthilfegruppe leihen. Man merkt, dass dieses Gefühl von ‘Ich kann auch etwas!’ noch ganz neu ist. Aber eines ist sicher: Es steht den Frauen richtig gut!

Mehr zu unserem Selbsthilfegruppen-Projekt auf den Philippinen

Danke an unsere deutsche Kollegin Gunhild Aiyub für diesen interessanten Blogbeitrag zum Thema Selbsthilfegruppen!  Versammlung einer Selbsthilfegruppe auf den Philippinen (Foto: Kindernothilfepartner) Die Kindernothilfe-Partner auf den Philippinen setzen sich seit zehn Jahren dafür ein, [...]

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