Spendenshop Suche
Jetzt spenden Pate werden

KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

18. Dezember 2020

Kürbisblätter in Erdnussbuttersauce

Ein Rezept aus Simbabwe, das hervorrragend zu Kartoffelpüree oder Pap passen.

Kürbisblätter in Erdnussbuttersauce
Kürbisblätter in Erdnussbuttersauce

Zutaten für 3 Portionen:
1 Bund Kürbisblätter
1 Teelöffel Speisenatron
1 Teelöffel Salz
500 ml kochendes Wasser
3 Esslöffel Erdnussbutter

Zubereitung:
Die Kürbisblätter unter fließendem Wasser waschen und kleinschneiden. Danach 500 ml Wasser in einem Topf zum Kochen bringen und die Kürbisblätter gemeinsam mit Speisenatron ins kochende Wasser geben.
5 Minuten kochen lassen. Das Wasser abseien, 3 Esslöffel Erdnussbutter hinzufügen und alles gut vermischen. Danach zugedeckt bei niedriger Hitze 5 bis 10 Minuten köcheln lassen.

Ein Rezept aus Simbabwe, das hervorrragend zu Kartoffelpüree oder Pap passen. Kürbisblätter in Erdnussbuttersauce Zutaten für 3 Portionen:1 Bund Kürbisblätter1 Teelöffel Speisenatron1 Teelöffel Salz500 ml kochendes Wasser3 Esslöffel Erdnussbutter Zubereitung:Die Kürbisblätter unt[...]

weiterlesen
14. Dezember 2020

Bildung ist ein grundlegendes Menschenrecht und die Priorität des 21. Jahrhunderts

Bildung ist kein Privileg. Es ist ein grundlegendes Menschenrecht. Bildung wird jedoch selbst in den besten Zeiten unterbewertet. Wir schaffen es oft nicht, die Punkte zwischen dem Recht auf Bildung und der Verwirklichung aller Menschenrechte zu verbinden.

Nach Angaben der Vereinten Nationen könnten allein aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 im nächsten Jahr rund 23,8 Millionen zusätzliche Kinder und Jugendliche (von der Vorschule bis zum Tertiärbereich) die Schule abbrechen der keinen Zugang zur Schule haben. (Foto: Umer Asif / IPS)
Nach Angaben der Vereinten Nationen könnten allein aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 im nächsten Jahr rund 23,8 Millionen zusätzliche Kinder und Jugendliche (von der Vorschule bis zum Tertiärbereich) die Schule abbrechen der keinen Zugang zur Schule haben. (Foto: Umer Asif / IPS)

Wie der Nobelpreisträger Amartya Sen feststellte, haben wir es versäumt, „diesem massiven Potenzial zur Veränderung des menschlichen Lebens“ die Aufmerksamkeit zu schenken, die es verdient. Dies gilt insbesondere in Krisenzeiten. Wenn Konflikte, Vertreibungen und Naturkatastrophen auftreten, wird die Bildung im Allgemeinen als erster Dienst unterbrochen und als letzter wieder aufgenommen, wobei in humanitären Einrichtungen am wenigsten Mittel bereitgestellt werden. Zwischen 2010 und 2017 wurden weniger als 3% der humanitären Mittel für Bildung bereitgestellt. In einer aktiven Krise ist Bildung lebensrettend. Es bietet ein Element des Schutzes vor Gewalt, bietet psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung und bietet Ernährung. In langwierigen Krisensituationen ist die Entwicklung des Kindes oder Jugendlichen ebenso wichtig. Dennoch wird der Bildungsbedarf tendenziell in den Hintergrund gedrängt und von anderen Sektoren überschattet. Dies bedeutet nicht, dass Wasser und Obdach nicht wichtig sind. Angesichts der jahrelangen humanitären Krisen wird durch das Fehlen einer qualitativ hochwertigen Ausbildung unweigerlich die Grundlage für die Menschenrechte aufgehoben, und eine echte Ermächtigung wird schwer fassbar. Bildung ist ein grundlegendes Menschenrecht. Es ist der Schlüssel zur Erschließung aller anderen Menschenrechte – sei es soziale, wirtschaftliche oder kulturelle Rechte oder politische und bürgerliche Rechte. Das Recht auf Beschäftigung, das Recht auf Gesundheit, die Meinungsfreiheit, das Recht auf ein freies und faires Verfahren und das übergeordnete Diskriminierungsverbot – all diese Rechte beruhen auf einer qualitativ hochwertigen Ausbildung: Anspruch erheben, genießen können schützen und respektieren diese Rechte. Dies ist in von bewaffneten Konflikten betroffenen Ländern immer wichtiger, in denen Rechtsstaatlichkeit häufig durch Gewalt ersetzt wird. Die Auswirkungen von Bildung auf die Armut sind ein Paradebeispiel. Laut dem UNESCO Global Education Monitoring Report: „171 Millionen Menschen könnten aus der extremen Armut befreit werden, wenn alle Kinder die Schule mit grundlegenden Lesefähigkeiten verlassen“, während „das Bildungsniveau etwa die Hälfte des Unterschieds bei den Wachstumsraten zwischen Ostasien und Subasien erklärt“. Sahara-Afrika zwischen 1965 und 2010 “. Armut ist eine Verletzung der Menschenwürde. Bildung bietet eine wirtschaftliche Verbesserung des Lebens des Einzelnen und stellt gleichzeitig sein Recht auf Würde wieder her.

Keine Zeit zum Spielen: arbeitende Kinder in einem Steinbruch in Guatemala (Foto: Kindernothilfe)
Keine Zeit zum Spielen: arbeitende Kinder in einem Steinbruch in Guatemala (Foto: Kindernothilfe)

Die Internationale Arbeitsorganisation schätzt, dass es 152 Millionen Kinderarbeiter gibt, von denen 73 Millionen unter gefährlichen Bedingungen arbeiten. Die IAO betrachtet Bildung neben sozialem Schutz und Wirtschaftswachstum als unverzichtbare Maßnahme zur Verringerung der Kinderarbeit. Es hat sich gezeigt, dass eine erhöhte Alphabetisierungsrate auch das politische Engagement erhöht. Das Institut für Statistik der UNESCO schreibt: „Die Teilnahme an Alphabetisierungsprogrammen für Erwachsene hängt mit einer verstärkten Teilnahme an Gewerkschaften, Maßnahmen der Gemeinschaft und dem nationalen politischen Leben zusammen.“ Neben Lese- und Rechenfähigkeiten gewährleistet eine angemessene Ausbildung ein breites Spektrum an Lebenskompetenzen – die Fähigkeit, sich zu verbessern -ausgewogene Entscheidungen, um Konflikte gewaltfrei zu lösen, gute soziale Beziehungen und kritisches Denken zu entwickeln. Solche Fähigkeiten sind entscheidend für die Schaffung einer toleranten und bewussten Gemeinschaft, um Verfolgung, Diskriminierung und gewaltsame Konfliktlösung zu verhindern. In von Krisen betroffenen Ländern dient Bildung jungen Menschen als Instrument, um darauf vorbereitet zu sein, sich wieder auf ihr politisches System einzulassen, ihr Versammlungsrecht zu stärken und sich an der Schaffung einer stabilen und zugänglichen Regierung zu beteiligen, die gegenüber ihrer Bevölkerung rechenschaftspflichtig ist. UNICEF schreibt Bildung zu, „eine entscheidende Rolle bei der Normalisierung der Situation des Kindes und bei der Minimierung der psychosozialen Belastungen zu spielen, die auftreten, wenn Notfälle zu einer plötzlichen und gewaltsamen Destabilisierung des unmittelbaren familiären und sozialen Umfelds des Kindes führen“. Dies wurde von einer vom UNHCR geführten Konferenz festgestellt In Bezug auf den Schutz von Kindern in Notsituationen hat Bildung eine „vorbeugende Wirkung auf Rekrutierung, Entführung und geschlechtsspezifische Gewalt“. Vor COVID-19 wurden geschätzten 75 Millionen Kindern und Jugendlichen im schulpflichtigen Alter aufgrund von bewaffneten Konflikten, Vertreibungen und Naturkatastrophen eine qualitativ hochwertige Ausbildung vorenthalten. Heute stehen sie vor dem doppelten Schlag von COVID-19, während die Zahl wächst. Laut einem aktuellen Bericht des norwegischen Flüchtlingsrates und des Global Protection Cluster schätzen Experten, dass weitere 15 Millionen Frauen und Mädchen für alle drei Monate der weltweiten Sperrung von Covid-19 geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt sind.

Yasmine Sherif, Direktorin von Education Cannot Wait / IPS
Yasmine Sherif, Direktorin von Education Cannot Wait / IPS

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Antonio Guterres, erklärte beim Start seines Policy Brief on Education im August 2020: „Bildung ist ein grundlegendes Menschenrecht, das Fundament gerechter, gleichberechtigter und integrativer Gesellschaften und ein Haupttreiber für eine nachhaltige Entwicklung.“ Als Menschenrechtsanwalt hoffe ich, dass die internationale Gemeinschaft des 21. Jahrhunderts anerkennt, dass eine integrative, qualitativ hochwertige Bildung das grundlegende Menschenrecht für alle anderen Menschenrechte ist. Wenn wir an den Internationalen Tag der Menschenrechte erinnern, müssen wir uns alle daran erinnern, dass Kinder und Jugendliche, die Konflikte und Vertreibungen erdulden, die Folgen der Unmenschlichkeit nur allzu gut kennen. Indem wir in ihre Ausbildung investieren, haben wir immer noch die Chance, ihre Hoffnung auf die Menschheit wiederherzustellen.

Bildung ist kein Privileg. Es ist ein grundlegendes Menschenrecht. Bildung wird jedoch selbst in den besten Zeiten unterbewertet. Wir schaffen es oft nicht, die Punkte zwischen dem Recht auf Bildung und der Verwirklichung aller Menschenrechte zu verbinden. Nach Angaben der Vereinten Nationen kön[...]

weiterlesen
10. Dezember 2020

Keine Kinderrechte ohne Menschenrechte

Am 10. Dezember 1948 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen „Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ (AEMR) und legte damit jene Rechte fest, die eigentlich für jeden Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Religion oder politischer Überzeugung gelten. Dennoch kommt es weltweit immer wieder zu schweren Menschenrechtsverletzungen.

"Recover Better – Stand up for Human Rights" Das Motto des heurigen Tag der der Menschenrechte. (Image: United Nations)
„Recover Better – Stand up for Human Rights“ Das Motto des heurigen Tag der der Menschenrechte. (Image: United Nations)

Internationaler Tag der Menschenrechte

Gerade heuer haben die COVID-19-Pandemie sowie zahlreiche Naturkatastrophen und bewaffnete Konflikte die häufige Missachtung der AERM stärker sichtbar gemacht. Besonders Menschen auf der Flucht sind gefährdet, in ihren fundamentalen Rechten verletzt zu werden. Diskriminierung und Ausbeutung, schlechte medizinische Versorgung und fehlende Bildungsmöglichkeiten erschweren das ohnehin schon tragische Schicksal vieler Flüchtlinge. Zusätzlich hat die Corona-Pandemie in vielen Ländern zu einer deutlichen Verschlimmerung der Armut und zunehmenden Ungleichheiten geführt. Umso wichtiger ist es, „die Pandemie nicht als Vorwand für schwerfällige Sicherheitsreaktionen und repressive Maßnahmen zu verwenden, die den bürgerlichen Raum und die Medienfreiheit einschränken“, warnt UNO-Generalsekretär António Guterres. „Denn die Menschenrechte sind universell und schützen alle.“

Menschenrechtsverletzung Sklaverei

Laut der Internationalen Arbeitsorganisation ILO gibt es weltweit rund 40 Millionen „moderne“ Sklaven – darunter zehn Millionen Kinder. Verkauft, gegen ihren Willen festgehalten und wie Ware gehandelt werden vor allem Frauen und Mädchen ausgebeutet – sie schuften in privaten Haushalten und Fabriken unter menschenunwürdigen Bedingungen, werden in die Prostitution gezwungen oder zwangsverheiratet. So werden weltweit jedes Jahr mehr als 150 Milliarden Dollar verdient: In vielen Produkten wie Textilien oder Smartphones, die teuer über den Ladentisch gehen, steckt ausbeuterische Arbeit. Jene, die sie herstellen, arbeiten für Hungerlöhne, es profitieren die großen Unternehmen.

Die Corona-Pandemie und ihre Folgen gefährdet zusätzlich Millionen Menschen, denn Menschenhändler und zwielichtige Kreditgeber machen die aktuelle Not zu ihrem Geschäft. In Indien arbeiten Kinder die Schulden ihrer Eltern ab, die aufgenommen wurden, um während der Lockdowns ihre Familien ernähren zu können. Auch in Chile suchen sich viele Mädchen und Buben Gelegenheitsjobs auf der Straße, um etwas Geld dazu zu verdienen. Und in vielen Teilen Afrikas schuften auch kleine Kinder auf Baumwoll-, Tabak-, Kaffee- oder Kakaoplantagen, um zum ohnehin sehr geringen Familieneinkommen beizutragen.

Wie aber können Kinderrechte garantiert werden, wenn fundamentale Menschenrechte verletzt werden?

Recover Better – Stand Up for Human Rights

Der diesjährige UN-Tag der Menschenrechte steht ganz im Zeichen der COVID-19-Pandemie und der Bekämpfung der durch sie verstärkt sichtbar gewordenen Missstände. Das Motto „Recover Better – Stand Up for Human Rights“ verdeutlicht die Notwendigkeit, dass die Menschenrechte in allen Ländern gleichermaßen zentrale Grundlage sein müssen. Denn die gemeinsamen globalen Ziele können nur erreicht werden, wenn es gelingt, Chancengleichheit für alle zu schaffen. Dabei müssen Ungleichheit, Ausgrenzung und Diskriminierung bekämpft werden. Nur so kann sichergestellt werden, dass es zu einer globalen Erholung nach der Pandemie und einer gerechteren und nachhaltigeren Situation für alle kommt.

Keine Kinderrechte ohne Menschenrechte

Die in der UN-Kinderrechtskonvention festgelegten Kinderrechte sind ganz spezielle Menschenrechte. Denn Kinder und Jugendliche sind keine kleinen Erwachsenen, sondern haben ihre ganz eigenen Bedürfnisse. Diese müssen entsprechend befriedigt werden, damit sich Mädchen und Buben überall auf der Welt gesund und sicher entwickeln und geschützt und gestärkt in eine selbstbestimmte Zukunft gehen können.

Wir als Kindernothilfe setzen alles daran, dass der Schutz der Kinderrechte gewahrt und ihre Umsetzung erreicht wird. Wir verstehen uns dabei als Teil einer globalen Bewegung und sehen uns der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung verpflichtet, Kindern Bildung zu ermöglichen, sie vor Gewalt und wirtschaftlicher Ausbeutung zu schützen und ihnen Mitsprache zu geben. Aus der Perspektive dieser vier zentralen Kinderrechte wollen wir bei einer Stärkung der universellen Menschenrechte weltweit aktiv mitarbeiten.

#Standup4humanrights #HumanRightsDay

Am 10. Dezember 1948 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen „Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ (AEMR) und legte damit jene Rechte fest, die eigentlich für jeden Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Religion oder politischer Überzeugung gelten. Dennoch kom[...]

weiterlesen
10. Dezember 2020

Die Menschenrechte müssen in den Mittelpunkt der Wiederherstellung nach COVID-19

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte garantiert ein Spektrum von Menschenrechten, die jedem von uns gleichermaßen gehören, und vereint uns als globale Gemeinschaft und unterstützt unsere Menschlichkeit. Dieses Jahr, 2020, war eine der beispiellosen Herausforderungen und hat die Notwendigkeit erneuter Maßnahmen zur Förderung und zum Schutz der Menschenrechte unterstrichen.

Recover Better - Stand Up for Human Rights (Foto: Defenders Coalition, IPS)
Recover Better – Stand Up for Human Rights (Foto: Defenders Coalition, IPS)

Die COVID-19-Pandemie hat Gesellschaften auf der ganzen Welt auf die Probe gestellt und die Menschenrechtsgewinne und Fortschritte bei der Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung beeinträchtigt. In Kenia haben die vielfältigen Auswirkungen der Pandemie – auf die Gleichstellung der Geschlechter, Gesundheit, Bildung, Lebensgrundlagen, Rechtsstaatlichkeit und Wirtschaft – die Bemühungen der Regierung, der Vereinten Nationen, der Entwicklungspartner und der Zivilgesellschaft auf die Umsetzung der Agenda 2030 geprüft, Vision 2030 und die Big 4-Entwicklungsagenda und forderte uns auf, dafür zu sorgen, dass wir niemanden zurücklassen. Die Krise hat die ärmsten und am stärksten gefährdeten Gemeinden am härtesten getroffen und bestehende Ungleichheiten, Diskriminierungen und Menschenrechtsprobleme verankert. Geschlechtsspezifische Gewalt ist in die Höhe geschossen. Der Verlust von Arbeitsplätzen und Lebensgrundlagen hat die Familien weiter belastet. Das Recht auf Bildung ist für viele Kinder, insbesondere für Mädchen, gefährdet. Ungleichheiten beim Zugang zu Wasser, angemessenem Wohnraum und Gesundheitsdiensten haben die Verwundbarkeit erhöht.

Wiederaufbau nach COVID-19

In diesem Zusammenhang lautet das Thema des Menschenrechtstages 2020 „Besser erholen – Für Menschenrechte eintreten“ und unterstreicht die Notwendigkeit, die COVID-19-Krise besser zu bewältigen, indem die Menschenrechte in den Mittelpunkt der Wiederherstellungsbemühungen gestellt werden. Dies ist ein Aufruf zum Handeln und zur Vereinheitlichung des Zwecks, um Diskriminierung zu bekämpfen, Ungleichheiten zu beseitigen, Partizipation und Solidarität zu fördern und eine nachhaltige Entwicklung zum Nutzen aller zu fördern. Wie der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, einmal bemerkte: „Die Pandemie hat die Zerbrechlichkeit unserer Welt bewiesen.“ Die Krise hat tiefe Ungleichheiten, fest verwurzelte Diskriminierungen und Lücken im Schutz der Menschenrechte aufgedeckt und verschärft. Nur Maßnahmen zur Schließung dieser Lücken und zur Förderung der Menschenrechte können sicherstellen, dass wir uns vollständig erholen und eine Welt wieder aufbauen, die widerstandsfähiger, gerechter und nachhaltiger ist.

COVID-19 hat die Gelegenheit geschaffen, eine gleichberechtigte und nachhaltigere Welt wieder aufzubauen – basierend auf einem „neuen Gesellschaftsvertrag“, der die Rechte und Freiheiten aller respektiert und die durch die Pandemie aufgedeckten Ungleichheiten beseitigt. Dieser „neue Gesellschaftsvertrag“, der Regierungen, Bevölkerung, Zivilgesellschaft und Privatsektor vereint, ist der einzige Weg, um die Ziele für nachhaltige Entwicklung zu erreichen. In dieser Aktionsdekade zur Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung bis 2030 ist es unerlässlich, Partizipation und Inklusion zu priorisieren, um sicherzustellen, dass wir niemanden zurücklassen.

Erfolgreiche COVID-19-Wiederherstellungsbemühungen erfordern eine solide Beteiligung der Zivilgesellschaft und die Einbeziehung von Gemeinschaften, um sicherzustellen, dass die Stimmen und Prioritäten der am stärksten betroffenen, schutzbedürftigen und marginalisierten Menschen die Wiederherstellungsbemühungen beeinflussen. Die Beteiligung der Öffentlichkeit ist ein zentraler Grundsatz und spielt eine Schlüsselrolle bei der Wiederherstellung von COVID-19. Es ist klar, dass diese Pandemie nicht von einem einzigen Akteur überwunden werden kann. Vielmehr muss durch einen auf Menschenrechten basierenden Ansatz getragen werden, der Gleichheit und Nichtdiskriminierung, Partizipation und Inklusion sowie Rechenschaftspflicht priorisiert. Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, dass Solidarität der einzige Weg nach vorne ist. Jeder hat eine Rolle beim Aufbau einer besseren Post-COVID-Welt für heutige und zukünftige Generationen zu spielen, und wir müssen die aktive Beteiligung von Gemeinschaften, Zivilgesellschaft, Privatsektor, Regierung und internationaler Gemeinschaft nutzen.

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte garantiert ein Spektrum von Menschenrechten, die jedem von uns gleichermaßen gehören, und vereint uns als globale Gemeinschaft und unterstützt unsere Menschlichkeit. Dieses Jahr, 2020, war eine der beispiellosen Herausforderungen und hat die Notwendigk[...]

weiterlesen
27. November 2020

Chile: „Jetzt erwartet uns der steilste Teil des Weges“

Eines der weltweit brutalsten neoliberalen Modelle könnte endlich überwunden werden. Denn mit ihrem historischen Votum im Oktober verbanden hunderttausende Chilenen, die durch ihre Proteste seit dem „estallido social“, dem Beginn der Massendemonstrationen vor einem Jahr, diesen Volksentscheid erzwungen hatten, die Erwartung, endlich in einem Land leben zu können, in dem Menschenrechte garantiert, Prinzipien eines Sozial- und Rechtsstaats durchgesetzt, bürgerschaftliche Teilhabe ermöglicht und die Rechte der indigenen Bevölkerung anerkannt werden.

Chiles Kinder gehen in eine neue Zukunft: "Lass nicht zu, dass diese Pandemie Dein Herz traurig macht. Dieses Virus werden wir gemeinsam besiegen #bleib zu Hause." (Foto: Kindernothilfepartner)
Chiles Kinder gehen in eine neue Zukunft: „Lass nicht zu, dass diese Pandemie Dein Herz traurig macht. Dieses Virus werden wir gemeinsam besiegen #bleib zu Hause.“ (Foto: Kindernothilfepartner)

Gerade einmal viereinhalb Wochen ist es her, seit fast 80 Prozent der Wahlberechtigten in Chile in einem Referendum für die Ausarbeitung einer neuen Verfassung – und somit für die Ablösung der 1980 vom Pinochet-Regime oktroyierten und bis heute geltenden Magna Carta stimmten. Ein ähnliches Erdrutschergebnis gab es auch bei dem zweiten Votum vom 25. Oktober, der Entscheidung, dass es ausschließlich ein eigens für diese Aufgabe demokratisch zu wählender Konvent sein soll, der die neue Verfassung innerhalb von zwölf Monaten erarbeitet – und eben nicht, wie von Präsident Piñera favorisiert, eine Mischstruktur aus bereits amtierenden Parlamentariern, ergänzt durch zusätzliche Delegierte.

Alles mit Mundschutz: Chilenin am Plebiszit-Tag, 25.10.2020, bei der Abstimmung in einer Schule im Santiagoer Stadtteil Peñalolén. (Foto: Ximena Galleguillos)
Alles mit Mundschutz: Chilenin am Plebiszit-Tag, 25.10.2020, bei der Abstimmung in einer Schule im Santiagoer Stadtteil Peñalolén. (Foto: Ximena Galleguillos)

Die Kindernothilfe-Partner in Chile hatten in den Monaten vor dem Plebiszit klar Position bezogen und für die Teilnahme an dem Volksentscheid mobilisiert. Darüber, wie sich die Lage vor Ort jetzt darstellt, sprachen wir mit José Horacio Wood und Claudia Vera vom Kindernothilfe-Partner Fundación ANIDE.

Kindernothilfe: Auf der ganzen Welt waren die Menschen beeindruckt, mit welcher Entschlossenheit und vor allem, wie eindeutig die Chileninnen und Chilenen am 25. Oktober für einen Neuanfang votierten – und somit einen Bruch mit dem alten System wollten. Wie nehmt Ihr die Stimmung heute, einen Monat nach diesem historischen Tag, wahr?

José Horacio Wood: Die Teams in den Projekten, die Menschen in den Armenvierteln, auf die sich das Engagement der Kindernothilfe-Partner konzentriert, die Jugendlichen und auch die Kinder erlebten diesen geschichtlichen Moment sehr intensiv, voller Hoffnung, voller Enthusiasmus. Einen Monat danach ist immer noch der Stolz darüber zu spüren, hier dabei gewesen zu sein. Aber der Optimismus dieser magischen Nacht vom 25. auf den 26. Oktober schlägt mittlerweile in Ernüchterung um. Den Menschen wird bewusst, dass der steilste Teil des Weges noch bevorsteht. Mir persönlich wäre es sehr wichtig gewesen, bei diesem Volksentscheid gerade in den Vierteln der ärmeren Menschen eine deutlich höhere Wahlbeteiligung zu erreichen. Das ist leider nicht gelungen: Am Ende mussten wir uns eingestehen, dass fast die Hälfte der Chileninnen und Chilenen nicht an der Abstimmung teilnehmen wollte.

Claudia Vera: Und mit jedem Tag wird jetzt auch deutlicher, mit welcher Strategie sich die Parteien, die historisch bis zum bitteren Ende hinter dem Pinochet-System standen, das zum Teil bis heute tun und die jetzt seit März 2018 erneut die Regierungskoalition hinter Präsident Sebastian Piñera bilden, für den Verfassungsprozess aufstellen. Sie haben erreicht, dass die Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung am 11. April 2021 nach ihren Regeln und mit einem sie begünstigenden Auszählverfahren ablaufen werden. Weil sie mit einer gemeinsamen Liste antreten, sind die Chancen groß, dass es ihnen gelingt, die Sperrminorität zu bilden, die sie benötigen, um alle tiefgreifenden Veränderungen abzublocken. Die Mittel-Links-Parteien der Opposition sind hingegen – wie üblich – zerstritten. Hinzu kommt, dass sie über ihren Schatten springen müssten, um den sozialen Bewegungen, Stadtteilorganisationen und engagierten Basisgruppen eine faire Teilhabe und entsprechende Listenplätze für die Wahlen zum Verfassungs-Konvent anzubieten. Was wir in dieser Phase ebenfalls schmerzhaft vermissen, ist eine heilsame Selbstkritik eben dieser „Concertación“-Parteien beim Blick auf ihre eigene Rolle während der drei Jahrzehnte seit dem Ende des Pinochet-Regimes. Ganz viele Menschen misstrauen der politischen Klasse zutiefst. Und das macht es jetzt, wo es so entscheidend darauf ankommt, Bündnisse zu schmieden, gemeinsame Wahllisten zu erstellen und am 11. April 2021 mit dem Rückhalt durch eine ganz breite zivilgesellschaftliche Basis die Wahlen zur „constituyente“ zu gewinnen, so unendlich schwer, einander zu vertrauen.

Kindernothilfe: Das klingt aber nicht sehr ermutigend! Gibt es denn irgendwelche Perspektiven, um den Enthusiasmus rund um das Plebiszit vom 25. Oktober doch noch bis in den nächsten April zu tragen? Was wären die Voraussetzungen dafür?

Claudia Vera: Ganz viel hängt jetzt von der Zivilgesellschaft und dabei ganz besonders von Organisationen wie den „cabildos“ und „asambleas territoriales“ (Nachbarschaftsversammlungen) ab; davon, ob es ihnen gelingt, den Parteien, die in Chile nicht zum Lager der Pinochet-Apologeten und Verteidigern der „alten Ordnung“ gehören, ein Bekenntnis zu den unveräußerlichen Elementen, die in der neuen Verfassung stehen müssen, abzuringen. Ganz entscheidend wird es darauf ankommen, das Prinzip eines „subsidiär“ handelnden Staates, der eben nur dann unterstützend einspringt, wenn alle anderen – privaten – Ressourcen aufgebraucht sind oder nicht greifen, durch einen echten Rechts- und Sozialstaat zu ersetzen, in dem Bürgerinnen und Bürger nicht Bittsteller sind, denen je nach politischer Konjunktur und Kassenlage irgendwelche „Wohltaten“ zugestanden werden, sondern die Beziehung zwischen Staat und Bürgern auf verbrieften Rechten beruht, die notfalls vor ordentlichen Gerichten eingeklagt werden können. Die rechten Parteien benutzen in ihrem Diskurs seit Neuestem den Begriff des „solidarischen Staates“. Aber das ist nur ein Euphemismus, weil es ihnen erneut genau nicht darum geht, dass Menschen Rechte haben. Stattdessen lässt der „solidarische Staat“ einem Untertan bestenfalls eine Wohltat zukommen – oder eben auch nicht.

Lebensmittelunterstützung im Projekt „La Victoria“ in Santiago. (Foto: Kindernothilfepartner)
Lebensmittelunterstützung im Projekt „La Victoria“ in Santiago. (Foto: Kindernothilfepartner)

Kindernothilfe: Gab es während den langen Monaten der Corona-Pandemie in Chile Beispiele für diesen Grundkonflikt?

José Horacio Wood: Mir fällt da als Allerersten die öffentlichkeitswirksam inszenierte Verteilaktion von Kartons mit etwas Lebensmitteln und ein paar Hygiene-Artikeln in den Armenvierteln ein. Das war eine typische Regierungsaktion für die Fernsehkameras. Der Staat schenkt Familien einen Karton mit etwas zum Essen. Und, wer leer ausgeht, hat eben Pech gehabt. Das Ganze dauerte dann ja auch gerade mal zwei Wochen. Danach hat die Regierung das Interesse schnell wieder verloren. Viel nachhaltiger und wirkungsvoller wäre gewesen, den Familien durch die monatliche Überweisung eines Geldbetrags auf das Basiskonto, das alle Chileninnen und Chilenen bei der Staatsbank haben, etwas Luft zu verschaffen und die Möglichkeit zu geben, selbst darüber zu entscheiden, welche Ausgaben in der deprimierenden Lockdown-Situation am dringendsten ist. In Europa haben die Menschen ein Recht auf Grundsicherung. So etwas kennt das „Modell Chile“ nicht. Angesichts der verzweifelten Situation gab es dann auch nur ein einziges Mal in über sechs Monaten doch noch einen Scheck über 60.000 Pesos (rund 65 Euro) für die Familien mit den niedrigsten Einkommen. Und nach erbitterten Auseinandersetzungen im Kongress stimmte die Regierung am Ende zu, dass diejenigen, die es während ihres Arbeitslebens geschafft hatten, Beiträge in die privaten Pensionsfonds einzuzahlen, 10 Prozent ihrer eigenen Ersparnisse abheben durften. Wer über keine Rentenfonds-Guthaben verfügt, blieb bei dieser Aktion außen vor. Zusammengefasst: Was die Menschen während dieser schrecklichen Pandemie so schmerzhaft vermissten, ist eine aktive, systematische Sozialpolitik – auf der Grundlage von Gesetzen.

Kindernothilfe: Spielt bei all diesen Diskussion auch das Thema der Kinderrechte eine Rolle? Gibt es Überlegungen, wie die Kinderrechte in die neue Verfassung einfließen sollen?

Claudia Vera: Was als Erstes erreicht werden muss, ist 30 Jahre nach dem Ende der Pinochet-Diktatur endlich auch in Chile ein Kinderrechte-Statut zu verabschieden! Und ja, die Kinderrechte müssen unbedingt in die neue Verfassung! Wir haben den Eindruck, dass es darüber unter den demokratischen Kräften im Land einen breiten Konsens gibt. Kinder und Jugendliche spielen in den Diskussionen der Nachbarschaftsversammlungen eine relativ prominente Rolle, weil die dramatischen Zahlen von über 1300 Todesfällen, sowie 2071 Vergewaltigungen und anderer schwerer Sexualdelikte, die es nach einer Untersuchung der Kriminalpolizei in den zurückliegenden zwölf Jahren in Einrichtungen der staatlichen Kinder- und Jugendbehörde SENAME gegeben hat, regelrechte Schockwellen auslösten. Das hat, zusammen mit der andauernden, systematischen Polizeibrutalität gegen Kinder und Jugendliche ganz viele Menschen aufgerüttelt.

José Horacio Wood: Und es gibt die Forderung, in Chile eine nationale Kinderrechtskommission zu schaffen, die an allen Gesetzgebungsverfahren beteiligt wird. Wir erhoffen uns aber auch einen Durchbruch bei der Entwicklung einer neuen Bildungspolitik. Es geht um einem Paradigmenwechsel, um die Forderung nach einer Bildung mit Qualität für alle Kinder, einer Schulbildung, die aufhört, in den Klassenzimmern wie seit 40 Jahre extreme soziale Unterschiede zu reproduzieren und dadurch das neoliberale System zu verewigen. Aber es geht auch darum, dass Politikerinnen und Politiker in diesem Land endlich aufhören, Jugendliche zu stigmatisieren und zu kriminalisieren. Eine ganz wichtige Komponente im neuen Verfassungstext muss das Wahlrecht ab 16 Jahren sein – verbunden mit ernsthaften, echten Beteiligungsmöglichkeiten für Kindern und Jugendliche bei der Debatte über die Themen, die ihnen politisch wichtig sind. Und dann dürfen wir, die Erwachsenen, nie vergessen, dass es Schülerinnen und Schüler, Kinder und Jugendliche waren, die mit ihren Protesten beim „estallido social“ ab dem 18. Oktober 2019 unglaublich mutig genau die Bresche geschlagen haben, durch die am Ende diese Volksabstimmung vor einem Monat erst erzwungen wurde.

Nächtliche Protestaktion in Concepción, an der sich auch Teammitglieder aus dem „Agüita“-Projekt beteiligt haben "Quarantäne - aber mit Würde". (Foto: Kindernothilfepartner)
Nächtliche Protestaktion in Concepción, an der sich auch Teammitglieder aus dem „Agüita“-Projekt beteiligt haben „Quarantäne – aber mit Würde“. (Foto: Kindernothilfepartner)

Kindernothilfe: Um noch einmal ein anderes, wichtiges Thema anzusprechen: Bei den Protesten seit Oktober 2019 spielte auch die prekäre Situation älterer Menschen in Chile eine ganz wichtige Rolle. Wie wirkte sich die Covid-19-Pandemie auf diese Diskussion aus?

José Horacio Wood: Corona hat das noch einmal überdeutlich gemacht: Wir brauchen in diesem Land ganz, ganz dringend ein neues, gerechtes Rentenversicherungssystem! Das derzeitige, ausschließlich auf Zwangsbeiträgen von Versicherten, die in Aktienfonds investiert werden, gestützte Kapitaldeckungs-System der AFPs (Administradoras de Fondos de Pensiones) produziert nicht Altersarmut, sondern Alterselend. Deswegen muss am Ende dieses verfassungsgebenden Prozesses ein Vorschlag für ein neues System stehen, das sich auf einen vom Staat finanzierten Grundrentenanteil, ergänzt durch Arbeitgeberbeiträge und freiwillige Sparleistungen der Versicherten stützt.

Kindernothilfe: Neben dem von Euch genannten Fehlen von kohärenten sozialpolitischen Antworten auf diese Krise, an was lassen sich die Schleifspuren dieser furchtbaren Covid-19-Monate in Chile mit 550.000 Infizierten und 15.131 Verstorbenen (Stand 25.11.2020) dort, wo die Kindernothilfe-Partner in den Armenvierteln engagiert sind, am deutlichsten ablesen?

Claudia Vera: Die sicherlich gravierendste Konsequenz der Pandemie-Krise besteht darin, dass in Chile seit März mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze verloren gingen. Und das sind eben, wie immer in wirtschaftlich schwierigen Momenten, vor allem die Beschäftigungsmöglichkeiten der Geringverdienenden, der Menschen in den prekärsten Arbeitsverhältnissen, im Einzel- und Straßenhandel, auf Baustellen, bei informellen Dienstleistungen. Diejenigen, die es hier am allerhärtesten getroffen hat, sind Migrantinnen und Migranten aus anderen lateinamerikanischen Ländern: Peru, Bolivien, Haiti, Venezuela. Unsere Kolleginnen und Kollegen vom Projekt „Niños sin Fronteras“ im Santiagoer Stadtteil Independencia berichten, dass unter den Familien, mit denen sie arbeiten, sieben von zehn komplett sämtliche Einkommensmöglichkeiten verloren haben. Im Armenviertel La Victoria, im Südwesten von Santiago, wo ein großer Teil der aus Haiti eingewanderten Familien lebt, ist die Situation zum Teil noch verheerender. Hier herrscht blanke Not, Hunger und Verzweiflung. Anders lässt sich die Situation nicht beschreiben. Aber nicht nur in den Armenvierteln, bis weit in die Mittelklasse hinein, kämpfen die Menschen darum, mit einem Bruchteil ihrer bisherigen Einkommen über die Runde zu kommen. Covid-19 hat die bereits zuvor dramatische Überschuldungskrise Hunderttausender privater Haushalte weiter verschärft. Und diese Existenzsorgen machen die Menschen krank, verursachen extremen Stress, innerfamiliäre Gewalt und Depressionen.

Die Kinder aus "La Victoria" in Santiago freuen sich über Kartoffeln, Mehl und Milch, die ihnen das Team des örtlichen Kindernothilfe-Partnerprojekts vorbeigebracht hat. (Foto: Kindernothilfe-Partner)
Die Kinder aus „La VicDie Kinder aus „La Victoria“ in Santiago freuen sich über Kartoffeln, Mehl und Milch, die ihnen das Team des örtlichen Kindernothilfe-Partnerprojekts vorbeigebracht hat. (Foto: Kindernothilfe-Partner)

Kindernothilfe: Die chilenische Regierung plant, erst im März 2021, nach den Sommerferien, wieder vollständig in allen chilenischen Schule mit dem Präsenzunterricht zu beginnen. Was hat die Covid-19-Pandemie mit dem Recht der Kinder auf Bildung gemacht?

José Horacio Wood: In Chile waren bereits vor Corona nirgendwo die Unterschiede zwischen Arm und Reich so extrem und so manifest, wie beim Blick in die Schulen. Und die Pandemie wirkte auf dieses Problem wie ein Brandbeschleuniger. Dadurch, dass es in den Armenvierteln der großen Städte, aber auch in vielen ländlichen Gemeinden immer noch nur ganz schlechte Zugangsmöglichkeiten zum Digitalunterricht gab und gibt, sprechen glaubwürdige Untersuchungen inzwischen davon, dass während der Lockdown-Monate der Kontakt zu über 100.000 Schülerinnen und Schülern komplett abgerissen ist. Unser Bildungssystem hat diese Kinder einfach verloren. Das ist eine Katastrophe in der Katastrophe!

Kindernothilfe: Aber was ist mit diesen Kindern passiert? Gibt es irgend eine Chance, sie doch wieder in die Schulen zurück zu holen?

José Horacio Wood: Die Teams in den Projekten berichten – und sozialwissenschaftliche Untersuchungen untermauern diese Beobachtung -, dass sich ganz viele Kinder, zum Teil Elf-, Zwölf-, Dreizehnjährige, irgendwelche Jobs suchen, um etwas Geld zu verdienen. Und weil 59 Prozent aller Familien in Chile angeben, dass sich durch Corona ihre Einkommen empfindlich verringert haben, ist natürlich jeder Peso willkommen, um die finanzielle Lage zu verbessern. Die Erfahrungen aus Phasen früherer wirtschaftlicher Einbrüche in Chile zeigen, dass es ungeheuer schwierig ist, Kinder, die die Unterrichtsroutine verloren haben, die aus der Struktur des täglichen Lernens – und aus dem sozialen Gefüge, das Schule ermöglicht, herausgefallen sind, zu motivieren, wieder in ein Klassenzimmer zurück zu kehren. Hier erwächst den Partnerprojekten von ANIDE und Kindernothilfe eine fundamental wichtige Aufgabe.

Kindernothilfe: Wie gehen die Kolleginnen und Kollegen in den Projekten vor? Welche Strategien entwickeln sie?

Claudia Vera: Ganz entscheidend ist, so intensiv es irgendwie möglich ist, den Kontakt zu den Kindern zu halten! Denn genauso wie die Schulen in den Armenvierteln sind natürlich auch die Räumlichkeiten der Partnerorganisationen Corona-bedingt geschlossen. Deshalb spielt sich ganz viel über Handys – und dort, wo es Glasfaserverbindungen gibt, über das Internet, über social media-Kanäle ab. Alle Teams arbeiten von zu Hause aus, größtenteils nach klar strukturierten Aufgabenplänen, mit Priorität auf diejenigen Kinder, deren Situation am problematischsten, deren Bedingungen am prekärsten sind. Aber zu allen Mädchen und Jungen, zu allen Jugendlichen aus den Kindernothilfe geförderten Programme gibt es kontinuierlichen Kontakt. Hier ist die zusätzliche Unterstützung, die Kindernothilfe zur Verfügung stellt, von entscheidender Bedeutung: Da können Telefonkarten bezahlt werden, einfache Handys angeschafft, Unterrichts- und Schulmaterial heruntergeladen – und dort, wo es in den Familien keine Tablets und Computer gibt, Arbeits- und Unterrichtsblätter ausgedruckt und verteilt werden. Die psychologische Sicherheit für die Kinder, sich darauf verlassen zu können, dass die Projektteams selbst in den schwierigsten Momenten präsent sind, niemand vergessen wird, ist unendlich wichtig, Ansprechpartner zu haben, wenn die Erwachsenen die Kontrolle verlieren, der Stress aus dem Ruder läuft, nur noch herumgebrüllt wird. Aber dann gibt es auch ganz elementare Interventionen, etwa für Migrantenfamilien aus den Armenvierteln La Victoria und Independencia Unterstützung, um die Miete, die Strom- oder die Wasserrechnung bezahlen zu können – und nicht inmitten der Pandemie auf der Straße zu landen. Wichtig ist natürlich auch, den Kontakt mit den Eltern zu halten, auch mit ihnen im Gespräch zu bleiben, am Thema „buen trato“, guter Umgang mit den Kindern, weiter zu arbeiten.

Team des Partnerprojektes „Belén el Cobre“ in Peñalolén (Foto: Kindernothilfepartner)
Team des Partnerprojektes „Belén el Cobre“ in Peñalolén (Foto: Kindernothilfepartner)

Kindernothilfe: Und wie motivieren sich die Teams aus den Projekten in dieser schwierigen Situation? Wie verarbeiten sie die Kriseninterventionen, die sie zu schultern haben?

Claudia Vera: Wir beobachten, dass die Kolleginnen und Kollegen aus den Projekten in dieser Zeit enger zusammengewachsen sind, die Arbeit im Team noch wichtiger geworden ist. So erstaunlich es klingt, es hat in diesen schweren neun Monaten, die hinter uns liegen, praktisch keine Kündigungen und Personalwechsel gegeben. Das Bewusstsein, den Kindern wirkungsvoll helfen zu können, weil eben die Unterstützung durch die Kindernothilfe und auch den chilenischen Kindergartenverband JUNJI weitergeflossen ist, hat ganz viele Kräfte mobilisiert. Und durch die zusätzlichen Humanitäre Hilfe-Projekte der Kindernothilfe gelang es in vielen Familien, die extremsten Krisensituationen zu entschärfen. Wir nehmen in den Teams ein ganz hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein und eine beeindruckende Motivation wahr! Und dann gibt es ja auch die tollen Momente, in denen es gelingt, die Kinder – und sei es am Handy – zum Lachen zu bringen, mit ihnen über das Internet zu spielen, online-Techniken für witzige, kreative Aktionen, an denen mehrere Kinder beteiligt sind, auszuprobieren.

Kindernothilfe: Was wäre denn für Euch ein positiver Aspekt, der sich diesen heftigen, belastenden Monaten seit März abgewinnen ließe?

José Horacio Wood: Wir sehen uns, so kurios das klingt, deutlich mehr mit den Kolleginnen und Kollegen aus den Projekt-Teams als vor der Pandemie. Natürlich nur im Internet, aber das ist schon eine neue Erfahrung, über Monate hinweg ganz, ganz intensiv und nahe an der Situation der Kinder, der Familien und der Nachbarschaften rund um die Projekte dran zu sein – und dabei eben auch gefordert zu werden. Unsere Arbeit hat sich in diesen Monaten stark verändert, sie ist intensiver, herausfordernder geworden – und es fällt oft noch schwerer als früher, sich auch wieder ausklinken zu können. Trotzdem sind wir fest entschlossen, diese motivierende Nähe zu den Teams auch in die Zeit nach Corona zu retten!

Das Interview führte Jürgen Schübelin mit Claudia Vera und José Horacio Wood vom Kindernothilfepartner in Chile Fundación ANIDE: Kindernothilfe-Partner zwischen Zuversicht und Ernüchterung / Corona und die Folgen.

Eines der weltweit brutalsten neoliberalen Modelle könnte endlich überwunden werden. Denn mit ihrem historischen Votum im Oktober verbanden hunderttausende Chilenen, die durch ihre Proteste seit dem "estallido social", dem Beginn der Massendemonstrationen vor einem Jahr, diesen Volksentscheid erzw[...]

weiterlesen