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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

27. Januar 2021

Wie Kinder auf Äthiopiens Straße überleben

Kaido, dieses Mädchen aus dem Armenviertel der Stadt Dire Dawa in Äthiopien, weiß gar nicht, wie hübsch sie ist. Denn sie hat gar keinen Spiegel zuhause. Aber sie weiß, dass ihre dunklen, großen Augen strahlen. Sie ist mittlerweile ein Kind im Glück, eine Schülerin sein zu dürfen. Noch vor drei Jahren lebte sie auf der Straße im Dreck, heute sagt das ehemalige Straßenkind mit gerade geschafftem Volksschulabschluss: „Life is good.“

Das Leben ist gut? Was für ein Satz für die inzwischen 16-Jährige. 2017 war es Kaido, die uns ihre Stadt zeigte: den Markt, auf dem ihre Mutter für ein paar Birr Zwiebeln verkaufte, den nackten Beton an der lauten, löchrigen Straße, auf dem sie geschlafen hatte, bevor die Helfer sie fanden, dreckig und hoffnungslos. Das karge Zimmerchen den leeren Fensterhöhlen, in dem sie später, als man sie gewaschen hatte, „wohnen“ durfte, kein Wasser zwar, aber ein Zuhause.

Kaido hilft ihrer Mutter auf dem Markt (Quelle: Jakob Studnar)
Kaido hilft ihrer Mutter auf dem Markt (Quelle: Jakob Studnar)

Wie schützt man sich vor Corona, wenn es kein sauberes Wasser gibt?

Kaido hat bis heute nur diese leckende Leitung im Tal. Für den kleinen Abebe, damals acht, war das Stück Seife das Größte in der „Blauen Schule“, dieser Einrichtung, in dem äthiopische Kinder lernen dürfen, die eigentlich das Geld dafür nicht haben. Sie lernten als erstes, dass man sich vor dem Essen die Hände wäscht – wenn es denn etwas zu essen gibt. Denn die Straßenkinder, Nesanet, Molitu oder Hawi, hatten ja beides nicht, die hatten nur die alte Müllkippe und das Abwasser der Limonadenfabrik am ausgetrockneten Fluss.

Wie geht das mit Corona? Es geht nicht. Kaido und auch Bayesh, die beiden Mädchen, die im Videotelefonat eigentlich immerzu lächeln, sie sagen, sie sind einsam geworden, sie vermissen ihre Freunde und vor allem haben sie „große Angst“ vor Covid. „Sie sind sich der Gefahr sehr bewusst“, sagt Dereje vom Kindernothilfe-Partner FSCE, dem das Handy gehört. Aber was soll man ihnen von Hygiene erzählen, im April haben sie angefangen bei den Hilfsorganisationen, den Kindern etwas zu essen zu geben. Und ihnen zu erklären, wie man sich irgendwie schützt vor dem Virus.

Jugendlichen beim Fotoshooting für die sozialen Medien(Quelle: Lorenz Töpperwien)
 Bayesh 2017 in der Schule; inzwischen ist sie 17 Jahre alt (Quelle: Lorenz Töpperwien)

Kinder von der Straße holen

Gerade die auf der Straße werden angefeindet, sagt Dereje, mehr noch als sonst. Hilfe zum Überleben ist es jetzt, was seine Kollegen machen. Zum Glück kennen sie die Kinder aus den Projekten. Fast 1.000 Heranwachsende, so viele Mädchen unter ihnen, haben Kindernothilfe und FCDE in diesem Sommer erreicht, trotz allem. In die Schutzhäuser und Zentren durften sie sie nicht mehr holen, ein halbes Jahr fast konnten sie nicht mehr arbeiten wie sonst: Kinder auffangen, sie überhaupt erst finden am Busbahnhof und in der Gosse, an ihren Schlafplätzen zwischen Ladenzeilen, wo sie schlafen wie wilde Hunde. Sie in die Schule schicken, sie vor Gewalt und Missbrauch schützen. Dabei, sagt Dereje, sind die Kinder doch „besonders verletzlich“! Sie besuchen sie nun häufiger in den Familien – wenn es überhaupt eine Familie gibt.

Bayesh arbeitet nachts, tagsüber geht sie in die Schule

Die Schulen waren mehr als ein halbes Jahr geschlossen, und trotzdem haben Kaido und Bayesh ihren Abschluss geschafft. Achte Klasse, letzte Woche waren die Prüfungen, sie sind beide Zweitbeste geworden. Man muss sich das mal vorstellen: zwei junge Mädchen, die überhaupt nur in die Schule konnten, weil die Kindernothilfe sie unterstützte, Kaido war schon zehn, als sie zum ersten Mal hinging. Und Bayesh, die macht es noch immer so wie damals, als sie im Gespräch weinen musste, auch weil sie so müde war: Sie läuft zur Schule, eine Stunde lang, weil sie das Geld für ein Tuk-Tuk nicht hat, sie versorgt ihre jüngeren Geschwister, sie kocht – und dann arbeitet sie.

Bis nachts um zwei hat Bayesh, inzwischen 17, ihrer Mutter geholfen, Kaffeebohnen zu sortieren, die guten für den Export, die schlechten für die Einheimischen – eine Aschenputtel-Geschichte. Nur statt des Prinzen kam Corona, die Firma machte zu, die Mutter verlor den Job. Jetzt ist sie Tagelöhnerin, und sie geht putzen, Bayesh hilft, für 200 Birr in der Woche – vier Euro. Und sie will trotzdem weiter zur Schule gehen, in ihrer Freizeit sozusagen, denn sie hat einen Traum: Sie will Ärztin werden.

Videokonferenz mit Kaido, Kindernothilfe-Mitarbeiterinnen und WAZ-Reporterin Annika Fischer (Quelle: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services)
Wackelige Verbindung mit Äthiopien: Kaido, 16, zeigt Deutschland ihre Zeichnungen.  (Quelle: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services)

Kaido wünscht sich Papier zum Malen

Das möchte Kaido auch. Oder Zeichnerin, das eigentlich lieber. So haben wir sie in Erinnerung, immer mit Papier unterm Arm, sie malte schöne, große Frauen in langen Kleidern. Sie hat sie auch diesmal mitgebracht, drückt die Bilder gegen die Handykamera, noch eines und noch eines. Auf anderen Blättern ist Schrift zu erkennen, ein Schulheft? Eine Bitte hat Kaido noch, als das Gespräch schon fast zu Ende ist, sie muss das unbedingt loswerden, obwohl jetzt eigentlich Bayesh dran ist. „Sie sagt“, übersetzt Dereje vom Aramäischen ins Englische, „sie braucht Stifte und Papier, auf dem sie zeichnen kann. Damit sie nicht immer ihr Schulmaterial dafür nehmen muss.“

Kaido, dieses Mädchen aus dem Armenviertel der Stadt Dire Dawa in Äthiopien, weiß gar nicht, wie hübsch sie ist. Denn sie hat gar keinen Spiegel zuhause. Aber sie weiß, dass ihre dunklen, großen Augen strahlen. Sie ist mittlerweile ein Kind im Glück, eine Schülerin sein zu dürfen. Noch vor [...]

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22. Januar 2021

Kleine Lerner, große Chancen

„Die Schule ist super“ ist der einhellige Tenor der fünf syrischen Wildfänge, die im Kindernothilfe-Förderzentrum südlich der libanesischen Hauptstadt Beirut den Vorschulunterricht besuchen. Im Rahmen eines abwechslungsreichen Lern-, Sport- und Spielprogramms werden in 3 insgesamt 1.500 Kinder im Alter von vier bis sieben Jahren bestmöglich auf die Aufnahme in das staatliche Schulsystem des Libanon vorbereitet werden.

Geflohen aus Syrien oder im eigenen Land benachteiligt, bekommen die Jüngsten bei "Early Learners" südlich von Beirut eine Chance auf frühkindliche Förderung. (Foto: Ulrich Gernhardt)
Geflohen aus Syrien oder im eigenen Land benachteiligt, bekommen die Jüngsten bei „Early Learners“ südlich von Beirut eine Chance auf frühkindliche Förderung. (Foto: Ulrich Gernhardt)

Aufgrund des syrischen Bürgerkrieges zog es seit 2011 mehr als zwei Millionen Schutzsuchende in den Libanon. Neben den damit verbundenen infrastrukturellen Problemen und der allgemeinen Armut mangelt es vor allem an Zukunftsperspektiven für Kinder und Erwachsene. Die ohnehin schon prekäre Situation wird durch den meist verwehrten Zugang zu einer geregelten Vorschul- und Schulausbildung zusätzlich verschärft.

In Baalchmay, Bourj el-Barajneh und Ghobeiry, drei besonders bedürftigen Gemeinden südlich der libaneischen Hauptstadt Beirut, zeigt sich dieser Misstand deutlich. Denn der Mangel an Kindergärten trifft vor allem die wirtschaftlich benachteiligten Bevölkerungsteile – darunter zahlreiche Flüchtlingskinder.

Early Learners

Das Bildungsprojekt „Early Learners“ des Kindernothilfepartners Connect Children Now betreut 1.500 Kinder im Alter von vier bis sieben Jahren. Während ihres Aufenthaltes in einem der drei Förderzentren haben die Mädchen und Buben die Möglichkeit, viele neue Dinge kennenzulernen und Freundschaften zu knüpfen. Außerdem werden sie im Rahmen eines abwechslungsreichen Lern-, Sport- und Spielprogramms optimal auf die Aufnahme in das staatliche Schulsystem vorbereitet. So ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Mädchen und Buben am Ende des Förderprogramms verschiedene Farben, Formen, Zahlen und Buchstaben erkennen und voneinander unterscheiden können. Dabei achtet das Projektpersonal aber stets darauf, dass der Spaß keinesfalls zu kurz kommt.

Zudem werden alle geförderten Mädchen und Buben psychologisch begleitet, damit sie die Chance haben, ihre traumatischen Erfahrungen bestmöglich zu verarbeiten. So sollen sie die Möglichkeit haben, wieder ein Stückchen kindliche Unbeschwertheit in ihren jungen Jahren zu erleben.

Um die Bedeutung einer geregelten Vorschul- und Schulausbildung sowie einer kindgerechten und gewaltfreien Erziehung innerhalb der Bevölkerung fest zu verankern, bezieht der Projektträger 750 Mütter und Väter in die Projektarbeit ein. Auch sie haben die Möglichkeit, bei Bedarf psychologisch unterstützt zu werden

"Die Schule ist super" ist der einhellige Tenor der fünf syrischen Wildfänge, die im Kindernothilfe-Förderzentrum südlich der libanesischen Hauptstadt Beirut den Vorschulunterricht besuchen. Im Rahmen eines abwechslungsreichen Lern-, Sport- und Spielprogramms werden in 3 insgesamt 1.500 Kinder[...]

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18. Januar 2021

Das Schweigen brechen

Gewalt ist ein Tabuthema, auch im muslimisch geprägten Indonesien. Schläge und sexuelle Übergriffe geschehen oft hinter verschlossenen Türen, die Opfer sind meist Mädchen und Frauen. Unser Partner PKPA hilft ihnen dabei, über die Taten zu sprechen und ein neues Leben zu beginnen.

Mit gesenktem Blick sitzt das Mädchen auf der Rückbank des Autos und starrt auf seine Hände. Die Hände einer Zwölf-, vielleicht 14-Jährigen. Untersuchungen im Krankenhaus, Befragungen bei der Polizei – was in ihrem Kopf vorgehen muss? Endlich kann sie nach Hause. Und vielleicht vergessen, weitermachen. Irgendwann.

Zwei Monate sind vergangen, seit eine Freundin das Mädchen gemeinsam mit ihrem Onkel bedrängt und sexuell genötigt hat. Zwei Monate des Schweigens, der Scham. Zwei Monate voller Angst. „Jetzt hat sie sich getraut, die Menschen anzuzeigen, die ihr das angetan haben“, sagt Rizka Harefa. Unser Wagen hält vor einem blaugrün angestrichenen Haus in einer Seitenstraße – dem Drop-in-Center und Büro von PKPA in Gunungsitoli, Hauptstadt der indonesischen Insel Nias. Derzeit lebt niemand im Schutzhaus der Hilfsorganisation, für die Harefa arbeitet. „In Notsituationen bringen wir Gewaltopfer hier in Sicherheit“, erklärt die junge Frau.

Seit 2004 ist der Kindernothilfe-Partner PKPA auf Nias im Kinderschutz aktiv. (Foto: Christiane Diase)
Seit 2004 ist der Kindernothilfe-Partner PKPA auf Nias im Kinderschutz aktiv. (Foto: Christiane Diase)

Gewalt gegen Kinder ist ein großes Problem auf Nias

Pusat Kajian dan Perlindungan Anak (Lern- und Kinderschutzzentrum), kurz PKPA, ist Partner der Kindernothilfe und macht sich auf Nias, einer Insel mit etwas mehr als 750.000 Einwohnern an der Westküste vor Sumatra, für Kinderrechte und gegen ausbeuterische Kinderarbeit stark. Immer wieder setzen sich die Mitarbeitenden auch für Opfer von Gewalt ein. „Allein zwei Kollegen kümmern sich bei uns um Missbrauchsfälle“, sagt Chairidani Purnamawati, Leiterin von PKPA auf Nias.

Sexualisierte, psychische, körperliche Gewalt: 166 Fälle registrierte PKPA im vergangenen Jahr, die Dunkelziffer liegt wohl weit darüber. In 133 Fällen waren Männer die Täter. „Gewalt gegen Kinder und Frauen ist ein großes Problem auf Nias“, betont Purnamawati. Und nicht nur dort, sondern überall in Indonesien, so wie in vielen Ländern Süd- und Südostasiens. „Frauen wird beigebracht, die Beziehungen zu pflegen und den Frieden in der Familie zu erhalten. Die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen häusliche Gewalt anzeigen, ist niedrig“, sagt Urvashi Gandhi, Direktor von Global Advocacy at Breakthrough India, einer Nichtregierungsorganisation, die sich für die Förderung von Mädchen und Frauen engagiert, in einem Interview mit der Deutschen Welle.

Chairidani Purnamawati leitet das Büro von PKPA in Nias. (Quelle: Christiane Dase)
Chairidani Purnamawati leitet das Büro von PKPA in Nias: im Drop-in-Center der Hilfsorganisation finden Opfer von Gewalt Schutz – und bei den Mitarbeitenden ein offenes Ohr für ihre Sorgen 

Bei einer Anzeige würde das Mädchen umgebracht

Es sind Schicksale, die betroffen machen – auch noch nach Jahren, betont Chairidani Purnamawati. Fast 15 Jahre liegt eine dieser Erinnerungen zurück, die sich in das Gedächtnis der 38-Jährigen gebrannt hat: „2006 bekamen wir einen Anruf von einer NGO. Es ging um ein fünfjähriges Mädchen in einem Dorf in der Gegend, das Kind lebte bei seinem Onkel und musste auf den kleinen Neffen aufpassen. Das Mädchen hatte angeblich überall am Körper blaue Flecken.“ Purnamawati fährt in das Dorf, „das Kind war im Haus eingeschlossen, aber durch das Fenster konnte ich sehen, dass der Boden voller Blut war“. Das Mädchen erzählt ihr, der Onkel habe mit einem Hammer auf seinen Daumen eingedroschen und sei dann zur Arbeit gegangen.

Zwei Jahre lebt das Mädchen im Schutzhaus von PKPA, in dem es für Notfälle immer einige liebevoll eingerichtete Räume mit Kuscheltieren und bunt bezogenen Betten gibt. Danach zieht es in ein Wohnheim, geht zur Schule. „Der Onkel drohte damit, seine Nichte umzubringen, wenn wir ihn anzeigen“, erinnert sich Purnamawati. Rückschläge wie diesen gebe es immer wieder in ihrem Job, in vielen Fällen gelinge es aber, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen: „Wir unterstützen die Opfer dann bei der Polizei und Vorgericht, bei Untersuchungen im Krankenhaus. Zu unseren Aufgaben gehört Mediation auf allen Ebenen.“

Ayu bekam Prügel für ihr "ungezogenes Verhalten". (Foto: Christiane Diase)
Ayu bekam Prügel für ihr „ungezogenes Verhalten“. (Foto: Christiane Diase)

Nicht immer habe die Zusammenarbeit mit der Polizei gut funktioniert, den Einfluss als lokale Kinderhilfsorganisation mussten sich Chairidani Purnamawati und ihre Kollegen hart erkämpfen. Dazu gehört immer wieder auch Überzeugungsarbeit bei der Regierung. „Inzwischen haben wir im indonesischen Recht durchgesetzt, dass Kinder nicht von der Polizei befragt werden dürfen, ohne dass ein Erwachsener dabei ist. Und die Polizei muss uns jeden Missbrauchsfall auf der Insel melden.“

Daneben vertritt PKPA die Rechte von jungen, meist männlichen Straftätern: „In Indonesien können Kinder ab einem Alter von zwölf Jahren ins Gefängnis kommen.“ Für Gewalt-, aber auch für Drogendelikte oder Diebstahl. „Wir setzen uns dafür ein, dass Jungen von erwachsenen Straftätern getrennt werden und dass ihr Fall, sollte er vor Gericht kommen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt wird“, erklärt Purnamawati.

Oft erkennt man Gewalt nicht auf den ersten Blick. (Foto: Christiane Diase)
Oft erkennt man Gewalt nicht auf den ersten Blick. (Foto: Christiane Diase)

Nicht immer sind die Gewalttäter männlich

Sofa und Schreibtisch sind die einzigen Möbelstücke, in dem großen Raum wirken sie verloren. Der Boden ist gefliest – Luxus. Mit Rizka Harefa sitzen wir im Wohnzimmer des Bürgermeisters eines kleinen Dorfes, rund 40 Fahrminuten von der Hauptstadt Gunungsitoli entfernt. Die Fahrt dorthin, über schmale ungeteerte Straßen, vorbei an sattgrünen Reisfeldern und Bananenstauden, ist atemberaubend. Auch die Armut der Menschen im Dorf lässt einem den Atem stocken. Sechs, sieben, acht Personen oder mehr leben in den kleinen kargen Hütten, in denen es oft nicht mehr als zwei Räume mit ein paar Plastikstühlen, keinen Strom und einfach nicht genug Platz gibt. In einem dieser Häuser wohnt die neunjährige Ayu mit ihren vier jüngeren Geschwistern, ihrem Vater und seiner neuen Frau. Ayus Mutter ist gestorben, ihr Vater hat wieder geheiratet.

Ayu hat dunkle traurige Augen; mit ihrem kurzen schwarzen Haar sieht sie viel jünger aus. Auf dem Foto, das uns die Frau des Bürgermeisters auf ihrem Handy hinhält, hat Ayu ein blutunterlaufenes Auge, eine Gesichtshälfte ist angeschwollen. Ein anderes Bild zeigt den Bauch des Mädchens – übersät mit blauen Flecken. So sah Ayu aus, nachdem ihre Stiefmutter sie mit Prügeln für „ungezogenes Verhalten“ bestraft hatte.

Für Touristen sind Indonesiens Inseln ein Paradies. Doch Gewalt gegen Mädchen und Buben ist nicht nur auf Nias ein Problem – oft passiert sie hinter geschlossenen Türen. (Foto: Christiane Diase)
Für Touristen sind Indonesiens Inseln ein Paradies. Doch Gewalt gegen Mädchen und Buben ist nicht nur auf Nias ein Problem – oft passiert sie hinter geschlossenen Türen. (Foto: Christiane Diase)

Doch Ayus Augen strahlen, als sie Rizka Harefa sieht. In den vergangenen Monaten hat die Neunjährige Vertrauen zu der jungen Frau gefasst. Als die Frau des Bürgermeisters PKPA alarmiert, holen Harefa und ihre Kollegen Ayu sofort aus der Familie. Das Mädchen lebt einige Monate bei seiner Großmutter. Die Mitarbeiter von PKPA sprechen mit Ayus Vater und seiner Frau. „Ihr Vater arbeitet auf dem Feld und ist nicht oft zu Hause, er wusste nicht, dass seine Frau Ayu schlägt. Was vorgefallen ist, tut ihr leid“, sagt Harefa. Seit einigen Wochen lebt Ayu wieder zu Hause. „Seit dem Vorfall im September hat ihre Stiefmutter sie nicht mehr geschlagen“, betont Harefa, „wir besuchen die Familie regelmäßig, um Gespräche über gewaltfreie Erziehung zu führen und nach dem Rechten zu sehen.“

Sintia wurde von ihrem Vater missbraucht

Nicht immer ist eine Rückkehr nach Hause sinnvoll oder überhaupt möglich. Wenn Sintia mit ihrer Schwester spielt, merkt man ihr nicht an, was sie alles ertragen musste. Als sie Sintia vor einigen Monaten das erste Mal gesehen habe, sei die 14-Jährige still, ängstlich und schwer traumatisiert gewesen, erinnert sich Harefa. Sintia lebt mit ihrer Mutter Ester und der jüngeren Schwester in einem Waisenhaus in Gunungsitoli, viele Stunden von ihrem Heimatdorf, irgendwo im Norden der Insel, entfernt. Die Mutter arbeitet als Köchin hier, zurück wollen sie nicht. Zu schrecklich seien die Erinnerungen an das, was in ihrem Heimatdorf geschehen sei, sagt Ester.

Alle Kinder haben ein Recht auf Schutz vor Gewalt. (Foto: Christiane Diase)
Alle Kinder haben ein Recht auf Schutz vor Gewalt. (Foto: Christiane Diase)

2006 habe sie neu geheiratet, die beiden Mädchen aus erster Ehe mitgebracht. „2014 fing die Gewalt an. Mein Mann ging nicht zur Arbeit und trank viel Alkohol. Dann fing er an, mich und die Kinder zu schlagen und zu bedrohen“, erinnert sie sich. „Wenn er getrunken hatte, wurde er zum Monster.“ Ester wird schwanger. Einmal. Zweimal. Verlassen will die 34-Jährige ihren Mann nicht – zu groß ist die Angst vor Ausgrenzung im Dorf. Eine geschiedene Frau mit vier Kindern? Im muslimisch geprägten, konservativen Indonesien ist das ein Tabu. „Ich habe versucht, unsere Probleme in der Familie zu lösen.“

Eines Tages habe er sie losgeschickt, um Zigaretten zu holen. Als Ester zurückkam, habe sie mitansehen müssen, wie sich ihr Mann an Sintia verging. „Ich kann machen, was ich will, ich bin hier der Boss“, habe er gesagt und sie mit demTod bedroht, erzählt die Mutter. Sie nahm allen Mut zusammen und ging zur Polizei. Ihr Mann sei kurz darauf von der Insel geflüchtet – sicher fühlten sie und ihre Kinder sich in ihrem Heimatdorf trotzdem nicht mehr.

Viele Kilometer von ihrem Heimatdorf entfernt fühlt sich Sintia wieder sicher - und kann endlich Kind sein. (Foto: Christiane Diase)
Viele Kilometer von ihrem Heimatdorf entfernt fühlt sich Sintia wieder sicher – und kann endlich Kind sein. (Foto: Christiane Diase)

Ein halbes Jahr ist es her, dass die Mutter mit ihren zwei Töchtern fluchtartig ihr Zuhause verlassen hat. Die ersten Wochen finden sie im Schutzhaus von PKPA Zuflucht, dann ziehen sie in das Waisenhaus. Die beiden zwei und fünf Jahre alten Kinder musste Ester bei ihrer Schwiegermutter zurücklassen. „Seit September habe ich meine Kinder nicht gesehen. Ich vermisse sie sehr und hoffe, dass ich sie bald zu uns holen kann“, sagt sie. Sie fühlten sich hier wohl, Sintia werde psychologisch betreut, um die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. „Sie wird jeden Tag fröhlicher und spielt mit den anderen Kindern hier. Wir sind sehr dankbar für unser neues Leben.“ Ein Leben ohne Gewalt.

Gewalt ist ein Tabuthema, auch im muslimisch geprägten Indonesien. Schläge und sexuelle Übergriffe geschehen oft hinter verschlossenen Türen, die Opfer sind meist Mädchen und Frauen. Unser Partner PKPA hilft ihnen dabei, über die Taten zu sprechen und ein neues Leben zu beginnen. Mit gesenk[...]

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13. Januar 2021

Peru im Dengue-Fieber – eine Epidemie in einer Pandemie

Während sich die Welt mit der dritten Welle der COVID-19-Pandemie auseinandersetzt, hat Peru immer noch mit einer Epidemie zu kämpfen, die es nicht in den Griff bekommt – der von Mücken übertragenen Viruskrankheit, die als Dengue-Fieber bekannt ist.

Das Dengue-Fieber macht den Menschen sehr zu schaffen. (Foto: UN Photo)
Das Dengue-Fieber macht den Menschen sehr zu schaffen. (Foto: UN Photo)

Mit fast 56.400 bestätigten Fällen im Dezember leidet Peru an der schlimmsten Dengue-Epidemie seit 2017, als das Virus über 68.000 Menschen infizierte. Zusammen mit der Coronavirus-Krise sind Tausende von Menschen von Unterernährung und durch Wasser übertragene Krankheiten betroffen. Obwohl die Sterblichkeitsraten in Dengue-Fällen niedrig sind, sind nahrhafte Diäten und sofortige Hygienemaßnahmen erforderlich, um die Krankheit erfolgreich zu bekämpfen. Vor allem Prävention ist der Schlüssel zur Bewältigung künftiger Epidemien, da sich die für das Dengue-Fieber verantwortliche Mücke Aedes Aegypti in neue Gebiete in Peru ausbreitet. Mit voranschreitender unstrukturierter Besiedlung und Verstädterung nehmen auch Aedes-Larven zu, die in stehendem Wasser wachsen, das sich in Dosen oder Töpfen ansammelt.

Dengue-Fieber findet sich normalerweise in der Nähe des Amazonas, aber jetzt tritt es auch in wüstenartigen Gebieten auf. Es ist mittlerweile in vielen Regionen Perus, unter anderem in den Regionen Madre de Dios in Loreto, Ucayali und San Martin endemisch geworden, da die Urbanisierung schwer zu kontrollieren ist.

Forscher der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation (PAHO)

Dengue-Fieber ist eine durch Mücken übertragene Viruserkrankung, die in den Tropen weit verbreitet ist, da sie „durch Niederschläge, Temperatur, relative Luftfeuchtigkeit und ungeplante rasche Verstädterung begünstigt wird“, erklärt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Art Aedes Aegypti ist auch der Überträger für andere Viren wie Chikungunya, Gelbfieber und Zika. Mit zunehmendem Klimawandel und intensivierter Verstädterung findet die Mücke neue Brutplätze. „Wenn neue Gebiete wärmer werden, wird sich der Überträger Aedes ausdehnen“, erklärt der PAHO-Forscher. „Wir können es jetzt in höheren Lagen als zuvor finden.“

Dengue breitet sich unkontrolliert aus

Die Dengue-Krise in Peru begann im Oktober 2019, als die Fälle in der Region Madre de Dios im Südosten des Landes zunahmen. Die Regierung sandte bald Streitkräfte, um die Häuser der Menschen zu desinfizieren und so die Larven zu töten, während sie Empfehlungen zur Vermeidung des Virus herausgab. Infolgedessen verlangsamte sich die Ausbreitung des Virus im November, und die Gesundheitsministerin Elizabeth Hinostroza sprach von einem 30% Rückgang der Dengue-Fälle in Madre de Dios. Aber die Atempause war nur von kurzer Dauer. Bereits im Februar 2020 erklärte die Regierung Dengue-Fieber zu einem gesundheitlichen Notfall und erhöhte die Mittel zur Bekämpfung des Virus. Bis die Coronavirus-Pandemie Peru heimgesuchte, hatte sich Dengue-Fieber auf 17 Regionen ausgebreitet, darunter Junin und Ica.

Dem Staat fehlten die Ressourcen, um gleichzeitig einer Pandemie und einer Epidemie zu begegnen. Anfang März kam es in der Region Loreto im Nordosten Perus zu Protesten, da die Infizierten nicht medizinisch versorgt wurden. Mit COVID-19, das das Land aus der Luft angriff und obligatorischen Ausgangssperren wurde es schwierig bis unmöglich, Wohnraumausräucherungen durchzuführen. Außerdem waren einige der Coronavirus-Symptome, wie Kopfschmerzen, denen ähnlich, die durch Dengue-Fieber hervorgerufen wurden. Im Oktober 2020 schlug Peru erneut Alarm, „Hygienemaßnahmen als Kontrolle und Prävention von Dengue-Fieber zu verstärken […]“. Bis Ende des Jahres hatte die COVID-19-Pandemie fast 38.400 Opfer, einen starken Anstieg der Arbeitslosigkeit und einen wachsende Schwarzmarkt (Schätzungen gehen von einem Anstieg von 70% auf 80% oder gar 90% seit Beginn der Pandemie aus) gefordert. Daneben breitete sich das Dengue-Fieber weiter aus. Am 9. Dezember sprach das mit dem Gesundheitsministerium verbundene Nationale Zentrum für Epidemiologie, Prävention und Krankheitskontrolle die offizielle Warnung aus, dass Peru die dritthöchste Sterblichkeitsrate aufgrund von Dengue-Fieber im amerikanischen Raum nach der Dominikanischen Republik und Venezuela aufweise.

Mangel an sauberem Trinkwasser

Die Folgen der Krankheit sind unterschiedlich, so die WHO in einem Hinweis vom 23. Juni 2020. Die Symptome können von grippeähnlichen bis zu „schweren Blutungen, Organstörungen und / oder Plasmaaustritt“ reichen. In beiden Fällen betrifft das Virus tendenziell Frauen und Anämiker überproportional. „Dengue-Fieber beeinflussen die Thrombozytenzahl einer Person, was besonders für schwangere Frauen ein erhöhtes Risiko darstellt“, sagt Angel Muñoz, Forscher für Klimavariabilität am Earth Institute der Columbia University ist. „Anämiker bekommen die Krankheit eher.“

Dengue-Patienten leiden normalerweise unter starker Dehydration und Nährstoffmangel, daher ist die Aufnahme von Wasser und Nährstoffen unerlässlich. Empfohlene Diäten sind reich an Gemüse mit Vitamin A, C und K wie Spinat und Rote Beete, Früchten mit den beiden letztgenannten Vitaminen wie Zitrusfrüchten und Nüssen mit Proteinen.

Wasserqualität in der peruanischen Andenprovinz Junin. La Oroya gehört zu den dreckigsten Städten der Welt. (Foto: Kindernothilfepartner)
Wasserqualität in der peruanischen Andenprovinz Junin. La Oroya gehört zu den dreckigsten Städten der Welt. (Foto: Kindernothilfepartner)

In Peru kann der Zugang zu sauberem Wasser in bestimmten Regionen und Randgebieten, in denen es reichlich stehendes Wasser gibt, schwierig sein. In der Region Loreto beispielsweise haben 2019 nur 45,4% der Bevölkerung über die öffentliche Infrastruktur Trinkwasser konsumiert, heißt es in einem Bericht von 2020 des Nationalen Instituts für Statistik und Informatik (INEI) des Landes. Dieser fehlende Zugang zu Trinkwasser verstärkt die Auswirkungen von Dengue-Fieber und führt zu anderen Unterernährungsproblemen. Der vom Barilla Center for Food & Nutrition und der Economist Intelligence Unit entwickelte Food Sustainability Index stellt fest, dass „schlechte sanitäre Einrichtungen und ein Mangel an sauberem Wasser zu Unterernährung infolge von Durchfall führen“. Im Gegensatz dazu heißt es im Index: „Verbesserte sanitäre Einrichtungen und bessere Wasserversorgung tragen auch zur Bekämpfung des Welthungers bei.“ Zusätzlich zu diesen Infrastrukturproblemen warnt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) in ihrem jüngsten Bericht, dass die Unterernährung im Jahr 2020 aufgrund der COVID-19-Pandemie zugenommen hat, was die Verbreitung von Dengue-Fieber vertieft. „In den letzten fünf Jahren hat sich die Situation mit einem Anstieg von 13,2 Millionen Menschen mit Unterernährung verschlechtert“, sagt die FAO.

Corona schränkt die Bekämpfung von Dengue ein

Prävention ist für die Bekämpfung von Dengue-Fieber von entscheidender Bedeutung, sowohl durch Prognosen als auch durch Sensibilisierungskampagnen öffentlicher Institutionen. Untersuchungen haben einen Zusammenhang zwischen Klimamustern und dem Lebenszyklus der Mücke gezeigt, wie in dem von Muñoz und anderen Forschern verfassten Überwachungs- und Prognosesystem der nächsten Generation für die Umweltverträglichkeit der Übertragung von durch Aedes übertragenen Krankheiten erläutert. „Es gibt einen Zusammenhang zwischen Umgebungsbedingungen wie Temperatur, Niederschlag und Luftfeuchtigkeit und dem Lebenszyklus der Mücke“, erklärt er. „Es ist möglich, zuverlässige Klimavorhersagen zu erstellen und die Wahrscheinlichkeit der Ausbreitung der Krankheit vorherzusagen.“ Als Ergebnis des Papiers hat das Team von IRI ein Tool zur Überwachung und Prognose der von Aedes getragenen Umwelteignung entwickelt, mit dem die politischen Entscheidungsträger die möglichen Auswirkungen von Dengue-Fieber vorhersagen können. Die Vorhersage der Dengue-Wahrscheinlichkeit alleine reicht aber nicht aus – die Informationen müssen die Bevölkerung erreichen. Muñoz merkt an, dass Sensibilisierungskampagnen unerlässlich sind, um sicherzustellen, dass die Öffentlichkeit weiß, wie sich die Krankheit ausbreitet.

Große angesetzte Ausräucherungen und Sensibilisierungskampagnen erfordern jedoch enorme Ressourcen. Während die Regionen über exklusive Budgets zur Bekämpfung von durch Mücken übertragenen Krankheiten verfügen, wurde in den letzten Monaten ein Teil dieses Geldes für die Bekämpfung der Pandemie verwendet, berichten Jorge Carrillo und Alicia Tovar für Perus Ermittlungsstelle Ojo Público. Infolgedessen sind Bevölkerungsgruppen mit weniger Zugang zu Informationen, Gesundheitsversorgung und niedrigeren sozioökonomischen Bedingungen weiterhin einem höheren Risiko ausgesetzt, da sie mit größerer Wahrscheinlichkeit Dosen oder Pflanzgefäße konservieren, um Wasser zu sparen. „Wir brauchen Werkzeuge, um die Auswirkungen von Umweltfaktoren auf die Saisonalität von Dengue zu verstehen. Wenn wir ein detailliertes System haben, wer einem höheren Risiko ausgesetzt sein könnte und wo und wann sich Dengue-Fieber ausbreiten könnte, könnten wir Präventionsstrategien verstärken “, schließt Muñoz.

Familienbesuch im Hochland Perus. (Foto: Kindernothilfepartner Filomena Tomaira Pasci)
Aufklärung im Hochland Perus. (Foto: Kindernothilfepartner Filomena Tomaira Pasci)

Über das Gesundheitsministerium hat die peruanische Regierung in der Vergangenheit Sensibilisierungskampagnen gestartet, zuletzt „Dengue-Kills. Töte die Mücke! “ Diese Kampagne betont die Beseitigung von Brutstätten durch Ausräuchgerung einerseits, als auch vorbeugende Maßnahmen andererseits. Unter anderem ruft sie die Bevölkerung dazu auf „Wenn Sie Blumentöpfe oder Wasserpflanzen haben, reinigen Sie sie alle zwei Tage […]. Gießen Sie die Pflanzen täglich.“ oder „Schließen Sie alle Gefäße, in denen sich Wasser befindet, fest […].“

Während sich die Welt mit der dritten Welle der COVID-19-Pandemie auseinandersetzt, hat Peru immer noch mit einer Epidemie zu kämpfen, die es nicht in den Griff bekommt - der von Mücken übertragenen Viruskrankheit, die als Dengue-Fieber bekannt ist. Das Dengue-Fieber macht den Menschen sehr [...]

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9. Januar 2021

„Mama sagt, ich soll weitermachen“: Schulkind sein im Hochland Guatemalas

In Guatemala haben Kinder seit März keine Schule mehr. Manche wollen sie nun abbrechen, anderen droht Gewalt.

Eigentlich ist ihr Thema die Gewalt, die sieben von zehn Kinder in Guatemala irgendwo erleben. Gewalt in der Schule, Gewalt im Elternhaus, Gewalt auf der Straße, Gewalt, Gewalt, Gewalt. „Wir sind ein Angebot, und die Banden sind ein anderes Angebot“, sagt Saul Interiano (45), der durchsetzungsstarke Chef der Hilfsorganisation „Coincidir“ („Zusammenwirken“). Doch dieses Jahr haben sie umgeschaltet. Zu dem Kampf gegen die elende Gewalt kamen Nothilfe und Nachhilfe. Corona, weswegen sonst?

Ein Zufluchtsort für bedrohte Kinder

Saul Interiano leitet die Hilfsorganisation "Coincidir" im Hochland von Guatemala (Foto: Huber Wolf / WAZ)
Saul Interiano leitet die Hilfsorganisation „Coincidir“ im Hochland von Guatemala (Foto: Huber Wolf / WAZ)

Coincidir konnte mit Hilfe der Kindernothilfe im Hochland von Guatemala ein Schutzhaus für leidende Kinder aus schwierigen Verhältnissen bauen. Wo sie spielen und lernen können, therapiert werden; im Notfall einziehen, wenn sie bedroht sind. Dieser Zufluchtsort ist fast fertig, es fehlten „nur noch einige Fenster und Türen im Außenbereich“, sagt Interiano im Videogespräch. Sanitäranlagen, das Fußballfeld, Bäume, Schlafplätze – alles da. Das ist die gute Nachricht. Und diese: Weiße Fahnen oder Decken an den Häusern der Kleinstadt El Tejar sind kaum mehr zu sehen, mit denen Menschen anzeigten: Wir brauchen Hilfe. Coincidir-Mitarbeiter und ältere Kinder haben ihnen in der Not oft Lebensmittel gebracht und Hygieneartikel.

Die schlechte Nachricht ist: Wegen Corona konnte Coincidir monatelang nur mit kleinen Gruppen von Kindern arbeiten. Sie halfen ihnen auch, damit fertig zu werden, dass die Schulen wegen Corona geschlossen waren. Das war jetzt seit sieben Monate so und nun haben die üblichen, langen Winterferien begonnen.

„Ich kann ja ohne Lehrerin auch niemanden fragen“

Hola Abner, muchos saludos! Abner, der 14-Jährige, ist einen Atlantik von uns entfernt, 9400 Kilometer, aber wenn er erzählt vom Schuljahr ohne Schule, kommt einem manches bekannt vor. Wie schwierig es war mit dem wackeligen Internet, mit den Hausaufgaben. „Am schwierigsten war Englisch“, sagt der Bub: „Ich kann ja ohne Lehrerin auch niemanden fragen.“

Geschafft hat er es letztendlich nicht. Ausdrucken immerhin konnte er bei Coincidir – und ein Fahrrad leihen, um die Hausaufgaben zum Lehrer zu bringen. Viel hat er zu Hause gesessen, sich gelangweilt, ferngesehen (und manchmal verbotenerweise draußen mit Freunden gespielt. Wenn die Polizei vorbeifuhr, haben Sie sich versteckt. Das muss aber unter uns bleiben).

Die Kinder sind gestresst und ausgelaugt und haben Zukunftsängste

Ähnliche Probleme hatte Alison. Noch mehr also sonst hat die Elfjährige ihren Eltern bei der Arbeit geholfen, sie machen Tortillas. Das Internet mit den Schulaufgaben war häufig nicht zu erreichen, in das man sich in Guatemala in der Regel mit dem Telefon einwählt. Auch Alison hat die Materialien von Coincidir genutzt und den Drucker. „Ich hoffe, dass es bald wieder normal wird und ich wieder normal spielen kann“, sagt Alison.

Zwei Kinder von vielen hundert, die Coincidir betreut in Projekten wie „Paz y buen vivir“ („Frieden und gutes Leben“) oder „Hagamos comunidad“ („Wir schaffen Gemeinschaft“). Was sie bedrückt, steht in Projektberichten. „Lernziele wurden häufig nicht erreicht. Die Eltern sind oft weniger gebildet.“ – „Sie fühlen sich gestresst und ausgelaugt. Die Eltern sind besorgt.“ – „Kinder außerhalb der Schule sind auf der Suche nach befristeten Jobs.“ – „Kinder leiden noch immer unter den Folgen: Armut und Zukunftsängsten.“ Und bei all dem „bestimmt Gewalt stark den Alltag“.

Ein Bub spielt in einem Armenviertel von El Tejar mit einem selbstgebauten Drachen. Die Bauteile hat er aus dem Müll gefisch. (Foto: Huber Wolf/WAZ)
Ein Bub spielt in einem Armenviertel von El Tejar mit einem selbstgebauten Drachen. Die Bauteile hat er aus dem Müll gefisch. (Foto: Huber Wolf/WAZ)

„Aber Mama sagt, ich soll weitermachen“

Im Jänner sollen die Schulen in Guatemala wieder öffnen, in welcher Form, muss man dann sehen. Ob Abner dann wohl noch dabei ist? Er erzählt, dass er die Schule abbrechen möchte: „Es macht keinen Spaß mehr.“ Geschäftsmann möchte der Bub jetzt schon werden, um, wie er sagt, seiner Familie zu helfen. „Aber Mama sagt, ich soll weitermachen.“

In Guatemala haben Kinder seit März keine Schule mehr. Manche wollen sie nun abbrechen, anderen droht Gewalt. Eigentlich ist ihr Thema die Gewalt, die sieben von zehn Kinder in Guatemala irgendwo erleben. Gewalt in der Schule, Gewalt im Elternhaus, Gewalt auf der Straße, Gewalt, Gewalt, Gewalt[...]

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